Zen oder die Kunst des Annehmens

 

Einst empfing Meister Nan-in einen Lehrer der Philosophie. Nan-in schenkte ihm zur Begrüßung Tee ein, doch als die Schale voll war, goss er weiter. „Halt!“, rief der Lehrer. „Die Schale ist voll. Mehr geht nicht hinein!“ Nan-in sagte: „So wie diese Schale Tee bist auch du voll mit deinen eigenen Ansichten. Ich kann dich nicht Zen lehren, bevor du deine Schale geleert hast.“

Eine interessante Geschichte. Nan-in durchschaute sofort die Motivation des Lehrers, der nur gekommen war, um sein Wissen zu vertiefen. Wissen aber besteht aus Verstand, Grübelei und Spitzfindigkeiten.

Im Grunde hat sich jeder Mensch seine eigene Philosophie zurechtgelegt, seine ganz individuellen Vorstellungen, Ansichten, Meinungen und Begriffe, an die er glaubt und an denen er festhält. Jeder von uns ist ein kleiner Professor. Doch mit unseren Ansichten und Meinungen haben wir, ob wir wollen oder nicht, einen Abstand geschaffen und verschließen uns dem Ganzen, denn das Universum ist offen und weit. Aufgrund unserer Ansichten sehen und erkennen wir nur eingeschränkt, denn der Kopf ist voll. Begriffe verwirren und führen zu Diskussionen und Streitigkeiten. Wie kann ein voller Kopf erkennen? Je mehr Vorstellungen, desto mehr Staub auf dem Spiegel. Wie soll ein staubiger Spiegel widerspiegeln? Alles wird durch den Staub unserer Vorstellungen nur sehr unscharf und vage sein. Jeder Augenblick wird verschüttet durch unsere Ansichten von Haben-Wollen und Nichthaben-Wollen. Menschen, die nur argumentieren, bauen im letztendlich nur ihr Ego auf und können die Wahrheit nicht erkennen. Argumentieren ist eine Art intellektueller Selbstverteidigung, intellektuelle Aggression. Mit einem solchen Geist zu meditieren wird sehr mühsam sein. Wer akzeptiert sich schon so, wie er ist, mit all seinen Schwächen und Schatten? Im Grunde tun wir uns da bei den anderen Menschen leichter als bei uns selbst. Wir sollten unsere kindliche Unschuld wieder finden, Das ist es, was ich Meditation nenne. Unschuld bedeutet, keine Schuld zu haben. Nur die Vergangenheit suggeriert uns, an allen möglichen Dingen schuld zu sein. Habe ich meine Kinder richtig erzogen, habe ich den richtigen Beruf gewählt, bin ich schuld, weil mich mein Partner verlassen hat? Zen kennt keine Schuldfrage und keine Philosophie. Je mehr Schuld, desto weiter entfernt vom Göttlichen. Der Philosophie-Lehrer, der zu Nan-in kam, wollte offensichtlich bestimmte Antworten auf seine Fragen. Ein wirklicher Zen-Meister jedoch gibt keine Antworten auf philosophische Fragen, denn das würde nur zu endlosen weiteren Fragen führen. Kein Meister kann uns einen neuen Kopf aufsetzen, er kann uns nicht ein neues Leben geben, er kann uns nicht geben, was wir schon haben. Wir müssen das neue Leben nur zulassen, indem wir die Vergangenheit beiseite lassen. Der Spiegel reinigt sich von alleine, wenn wir die Verunreinigungen akzeptieren und uns so annehmen, wie wir sind. Dann gibt es keine Fragen mehr. Das ist der Schlüssel, der das Tor zu einem neuen Dasein öffnet. Diesen Schlüssel kann uns niemand geben, wir haben ihn selbst. Zucker schmeckt überall süß. Wer anders sollte das für uns herausfinden, wenn nicht wir selbst? Darum geht es.

Meditation hat aber durchaus auch einen aktiven Aspekt, wenn auch auf einer vollkommen passiven Ebene. Erkennen was ist, spüren was ist, wahrnehmen was ist, ohne intellektuelle Benennung. Dann leert sich die Schale von ganz allein. Nur dann kann uns etwas gegeben, bzw. geschenkt werden. Nie aber, wenn wir in Eile sind, wenn wir schnelle Resultate haben wollen, wenn dieses Sesshin erfolgreich sein soll. Eilen ist für den Kopf sehr einfach, Warten ist für den Kopf sehr schwierig. „Trinke erst mal eine Tasse Tee, setz dich erst mal, ruh dich erst mal ein bisschen aus“, könnte Nan-in dem Lehrer gesagt haben. Dann begann Nan-in, den Tee zuzubereiten. Er sah zu, wie das Wasser langsam zu kochen anfing und es entging Nan-in auch sicher nicht, wie es im Lehrer zu kochen begann. Das Wasser sprudelte und auch im Kopf des Lehrers sprudelten die Selbstgespräche. Es war ein sehr beredtes Schweigen. Nan-in erkannte, dass seine Antworten den Mann nicht erreichen konnten. Da ist kein Platz in seinem Geist, keine Tür, durch die er eintreten konnte. Wo Denken ist, fehlt Platz und Raum. Wir stehen vor der Tür unseres Hauses und können nicht hinein. Wir haben uns den Eingang selbst versperrt, den Zugang zu uns selbst. Und so goss Nan-in den Tee ein und hörte nicht auf zu gießen, bis die Tasse überlief. „Halt!“, rief der Lehrer. „Hör auf! Siehst du nicht, dass die Tasse schon voll ist?“ Er ist verrückt, wird er sich gedacht haben. Doch im Grunde zeigte ihm Nan-in nur sein eigenes Innenleben, seine eigene Verrücktheit, sein eigenes Überfließen von Ansichten, Meinungen und philosophischen Spitzfindigkeiten. „Du bist zu voll, ich kann dir nichts mehr geben. Wärst du mit einer leeren Schale gekommen, hätte ich dir etwas geben können“. Bevor der Lehrer seine Frage gestellt hat, hatte Nan-in bereits geantwortet.

Soweit der erste Aspekt der Geschichte. Aber was ist mit der leeren Schale? Was ist, wenn die Schale leer ist? Ist das das Ende? Können wir die Leerheit ertragen? Oft ist da eine große Angst vor der Leerheit, sodass wir sofort wieder beginnen, die Leerheit mit allem Möglichen auszufüllen. Können wir den leeren Augenblick ertragen? Können wir ihn zulassen? Können wir uns ihm voll und ganz ausliefern? Und wo bleibt dann die Schale, die Form?

Der Weg des Zen ist ein fortwährender Prozess ohne Anfang und ohne Ende. Das muss uns klar sein. Die eigentliche Arbeit beginnt im Grunde erst dann, wenn die Schale leer ist, denn auch die Form muss zerbrochen werden. Es darf keine Schale zurückbleiben. Wirkliche Leerheit bedeutet, dass auch die Schale verschwunden ist. Dann sind wir zum Abgrund geworden und alles kann ungehindert in uns eindringen. Mit der leeren Schale allein ist es nicht getan, denn selbst der, der sich an der Leerheit festmacht, ist noch voll. Selbst das Gefühl, leer zu sein, ist alles andere als leer. Du fühlst dich nur anders. Wirkliche Leere ist unausweichlich mit dem Zerbrechen der Form verbunden. Nur, wenn du nicht mehr bist, bist du ganz. Nur, wenn du nicht mehr bist, kann das Göttliche in dir aufscheinen. Nur, wenn du nicht mehr bist, kann das ganze Universum in dich einströmen. Dann wird dir jeder Geruch, jeder Baum, jeder Mensch neu erscheinen. Du wirst ein Original sein, das sich nicht beweisen und bestätigen muss. Leerheit heißt zulassen, Leerheit heißt, sich ausliefern, Leerheit heißt, schutzlos wie ein neugeborenes Baby zu sein. Leerheit heißt, nicht zu wissen, wer man ist. Leerheit heißt aber auch getragen zu sein, geborgen zu sein, angekommen zu sein, ganz zu sein.

Einmal kam ein Schüler zu Bodhidharma und sagte: „Du hast zu mir gesagt, ich soll leer werden. Jetzt bin ich leer. Was soll ich jetzt tun?“ Bodhidharma schlug ihm mit einem Stock auf den Kopf und sagte: „Wirf diese Leere weg!“

Solange wir noch sagen können ‚ich bin leer’, ist unser Ich noch nicht völlig ausgelöscht. Solange wir noch sagen ‚ich bin’, ist die Schale noch nicht zerbrochen. Sobald wir sagen ‚ich bin leer’, sind wir es nicht. Wer von sich selbst sagt, er sei erleuchtet, ist es nicht, denn wahre Erleuchtung spricht nie über sich. Nur ein Ich kann das und lässt das alte Ego wieder aufleben. Wir sollten leer sein, ohne daran zu denken, leer zu sein, sonst täuschen wir uns selbst.

Unser Ich ist ein unnötiges Gepäck, das wir mit uns herumschleppen. Die Welt geht jedoch auch ohne dieses Ich weiter. Wenn es uns gelingen würde, dieses Ich auch nur für einige Augenblicke loszulassen, wären wir schwerelos und unser ganzes Dasein hätte sich verändert. Fiele die Last unseres Ichs ab, könnten wir uns frei in die Lüfte erheben, ohne den Boden unter den Füßen zu verlieren. Nur das Geerdet-Sein auf der einen Seite und die Schwerelosigkeit auf der anderen Seite ermöglichen uns vollkommene Freiheit. „Leere ist Form, Form ist Leere…“

Wenn wir nicht bereit sind, voll und ganz auf unserem Kissen zu sterben, ist es nicht möglich, wiedergeboren zu werden und ein neues Leben zu erleben. Die Schale muss zerbrochen werden. Dieser Prozess ist ein Reinigungsprozess und das tut manchmal weh. Ohne Leiden geht es nicht, ohne Frustration geht es nicht, ohne Angst geht es nicht. Jede Geburt ist von Wehen begleitet. Wenn jedoch die Wehen ihren Höhepunkt erreicht haben, ist die Geburt nicht mehr fern. Wenn wir jedoch das verhindern, was aus uns herauskommen will, wenn wir die Geburt nicht geschehen lassen, werden wir sterben, wie die Mutter, die die Geburt ihres Kindes verhindert. Das ist der eigentliche Grund für unsere Angst und unsere Spannungen. Lasst das Lebendige in euch ans Licht kommen, indem ihr selbst ganz lebendig seid und die Dinge geschehen lasst, die geschehen wollen. Auch wenn dabei vielleicht die Angst kommt. Nehmt sie an. Wenn wir die Angst verhindern, entsteht nur eine neue Angst, die Angst vor der Angst. Was ist schon dabei, Angst zu haben? Es ist doch im Grunde nur ein Gefühl, das kommt und wieder vergeht. Warum sollten wir uns daran festmachen und versuchen, sie loszuwerden? Das ist selbst nur wieder unnötige Ich-Aktivität. Könnten wir sie annehmen und akzeptieren, wäre sie sofort 50% weniger und könnte sich schneller auflösen.

Alles, was wir aus Angst tun, verwandelt sich in Angst. Alles, was wir aus Hass tun, verwandelt sich in Hass. Alles, was wir aus Liebe tun, verwandelt sich in Liebe. Auch der liebevolle Umgang mit der Angst will gelernt sein. Liebe bedeutet zulassen, sich nicht quer stellen, nichts bekämpfen. „Der höchste Weg ist nicht schwer, wenn du nur aufhörst zu wählen.“ Alle Probleme verschwinden, sobald wir sie annehmen. Alle Probleme wachsen, solange wir dagegen ankämpfen. Die Angst darf sein, sie gehört zu unserem Leben. Wenn wir sie voll und ganz annehmen, wird sie schöpferisch sein und etwas völlig Neues kann sich daraus entwickeln. Bekämpfen wir sie aber, bewegen wir uns im Kreis und laufen einer neuen Angst in die Arme. Wenn wir lernen, nichts unterdrücken zu müssen, werden wir die Ganzheit erfahren.

Haltet also aus und versucht nicht, den Schmerzen auszuweichen. Genau das wäre der Punkt, wo wir es verpassen. Wir müssen hindurchgehen. Lasst zu, was auch kommen mag. Unterdrücken wir das Leiden, kommt es an einer anderen Stelle wieder zum Vorschein. In Wirklichkeit kann nur das zerstört werden, was wir nicht sind. Nur wenn wir das Leiden zulassen können, werden wir frei davon.

W. Walter, E'un-Ken

 


 

 

 

Manchmal fragen Menschen: „Wenn das Ego nichts anderes ist als eine Barriere, die uns hindert, zum Absoluten durchzustoßen, warum existiert es dann überhaupt?“

Ich glaube, die Aufgabe des Ego ist eine Art Schutzfunktion, so wie die harte Schale, die den Samen umgibt existiert, um den Inhalt, das Potential zu schützen. Er würde zerstört, wenn es die harte Schale nicht gäbe. Beide gehören zusammen, die Schale außen und der Same innen. Zunächst ist es also in diesem Leben wichtig, die harte Schale, ein starkes Ich zu entwickeln. Erst dann kann der Same überhaupt erst entstehen. Wir können keine Stufe der Evolution überspringen. Die harte Schale ist also nicht unser Feind. Sie wird nur dann unser Feind sein, wenn es Frühling geworden ist und die Erde gefunden ist, wo der Same sich entwickeln kann. Dann muss die harte Schale sterben. Probleme entstehen immer dann, wenn sich die harte Schale dem Auflösungsprozess widersetzt, wenn sie sagt: „Ich werde dich weiter beschützen, obwohl es Frühling geworden ist. Dann wird es schwierig.

Das Ich an sich ist kein Problem. Jedes Kind muss es zunächst entwickeln, um sich in der Welt zu behaupten und um zu überleben. Das Ich wird dem Kind eine Art Rüstung, die es benötigt, um den Anforderungen des Alltags gewachsen zu sein.

Wenn jedoch der Zeitpunkt gekommen ist und du bereit bist, dein Potential in der Meditation weiter zu entwickeln, wenn du einen Lehrer und einen Weg gefunden hast, geht es darum, die Schale zu zerbrechen und den Ich-Tod zu sterben. Die harte Schale ist dann nicht mehr notwendig, sie muss sich auflösen, denn wir sind mehr, als wir uns vorstellen können. Das Alltagsleben wird dann zu einem Spiel, das seine Problematik und Schwere verloren hat. Doch diese Leichtigkeit entwickelt sich erst dann, wenn wir bereit sind, das Ego aufzugeben.

Ich möchte betonen, nicht das Ich-Sein muss sterben, sondern die Getrenntheit des Ich von der Welt und den Dingen.

Wenn wir diese Entwicklung nicht mitmachen, bläht sich das Ego auf, das alles nur für seine Zwecke verwendet. Wir werden härter gegen uns und andere und grenzen uns stärker ab. Die Menschlichkeit bleibt auf der Strecke, d.h. die negativen Mechanismen verstärken sich. Die Folge ist, dass uns der Alltag auslaugt, schnell erschöpft sind, bis wir am Ende völlig ausgebrannt sind. Ausgeschlossensein und Verzweiflung machen sich breit und dies führt wiederum zu negativen Verhaltensweisen, die wir unbewusst auf die Außenwelt übertragen. Schuldige werden gesucht: Mitarbeiter, der Chef, schlechte Arbeitsbedingungen usw. Wir haben keine Energie mehr, denn ein Ich kann keine Energien speichern. Ein Ego kann keine Energien haben, es kann nur in Kontakt mit Energien sein, die in tieferen Ebenen existieren, zu denen aber unsere Alltagspersönlichkeit keinen Zugang hat. Die meisten Menschen sind auf irgendeine Weise innerlich tief verwundet, und diese Wunden wurden in der Vergangenheit verursacht. Diese Wunden bleiben gewöhnlich unverheilt. Es sind Wunden, nicht nur aus diesem Leben, sondern auch aus früheren Leben, und kein Arzt oder Psychologe kann sie heilen. Ein Arzt oder Psychologe kann den Menschen helfen, bis zu einem gewissen Grade mit dem Leben fertig zu werden, trotz ihrer Wunden, aber sie können sie nicht wirklich heilen. Sie können nicht tief genug in ihren eigenen Geist eindringen, um ihre eigenen Wunden verschwinden zu lassen, und schon gar nicht in den Geist eines Patienten. Nur ein wahrer Lehrer, der über seinen eigenen Geist hinausgelangt ist, kann in den Geist eines anderen Menschen eindringen und mit seinen unendlichen Kräften alle unverheilten Wunden behandeln. Die tiefste Ursache aller emotionalen Wunden ist unsere Trennung von unserem eigentlichen Wesen. Es mag für einen Menschen nötig sein, zu einem Psychologen zu gehen, und das ist in Ordnungaber die Spiritualität beiseite zu legen, um als Erstes das Ego zu stärken, bedeutet, jenes Gefühl der Trennung zu verewigen, und das wird nur zu weiterem Leiden führen. Was nützt es zu denken: „Ich werde zum Arzt gehen, sobald ich mich besser fühle”? Zu warten, bis innere oder äußere Umstände „gerade richtig” sind, bevor wir uns auf die spirituelle Reise begeben, ist, als ob man an der Küste steht und wartet, bis die Wellen vollkommen zurückweichen, bevor man ins Meer springt. Das wird nie geschehen. Jeder Augenblick des Lebens ist so unendlich kostbar, eine so seltene Gelegenheit. Wir sollten sie nicht vergeuden.

Durch das neutrale Beobachten der Augenblicke in der Meditation wachsen neue Werte und Einstellungen in uns heran, während alte Werte und Einstellungen verloren gehen. Geschieht dieser Prozess jedoch zu schnell, d.h. werden die Sprünge in das neue Bewusstsein nicht integriert, lauert das Alte auf einen neuen Ausbruch. Was wir brauchen ist unendlich viel Geduld mit uns, um die Zwischenstufen zu stabilisieren.

Beim Meditieren steht im Vordergrund der Aspekt eines freien Beobachtens, der  Aspekt der Achtsamkeit und des Gewahrseins. Da gibt es kein Gestern und Morgen. Nur noch ein Hier und ein Jetzt.

Was uns abhält, in diesen Zustand zu gelangen ist das Ego, denn es besteht aus inneren Grenzen. Wir haben gelernt, die Welt zu strukturieren und in Gut und Böse einzuteilen. Dieses Verhalten hat unser Leben in der Savanne und in der Eiszeithöhle gesichert. Der Eiszeitmensch, der einmal die Tatze eines Eisbären gespürt hat, vermied es, diesem Tier näher zu kommen. Aber wir leben nicht mehr in der Eiszeit. Ich glaube, wir leben in einer weitaus gefährlicheren Welt, in einer Welt des Atomkrieges, einer Welt der Verbrechen, einer Welt des Gespaltenseins. Unser Ego ist nicht mehr in der Lage, uns davor zu schützen.

Das Leben hier auf diesem Planeten verstehe ich als eine Schule der Bewusstseinsentwicklung, wobei es darum geht, den Prüfungen nicht auszuweichen und auf dem Weg zu bleiben. Wenn wir dies ignorieren oder bekämpfen, schaffen wir Leiden für uns und für andere.

Wer meditiert, muss sich in erster Linie so akzeptieren, wie er ist. Wenn wir beim meditativen Sitzen mit unserem Inneren in Berührung kommen, können wir feststellen, dass in diesem Bereich unseres Wesens entgegen gesetzte Energien am Werk sind. Wir betreten einen Raum der Vieldeutigkeit, einen Ort, an dem Sünder und Heilige, Göttliches und Diabolisches nebeneinander existieren. Diesen Raum in uns zu akzeptieren ist die erste Phase der Befreiung.

Wer sein Ego jedoch aktiv vernichten will, wird sehr schnell feststellen, dass das nicht funktioniert. Wir jagen das Ego mit einem Killer-Ego, Ein Ego kämpft gegen ein anderes Ego. Am Ende kann immer nur das Ego gewinnen. Man sollte sich also bewusst sein, dass man keine Kontrolle hat. Jegliche Kontrolle aufgeben bedeutet ein Ende des Ringens. Das Mittel dazu ist Bewusstheit. Wir sollten unserem Ich beim Meditieren also grünes Licht geben, d.h. sehr genau beobachten, anstatt alle Energie dafür aufzuwenden, gegen all das anzukämpfen.

Alles Leiden wird durch falsche Vorstellungen aufrechterhalten. Vorstellungen sind keine Hilfe, denn sie werden von der Illusion erschaffen, dass man getrennt ist.

Die Wissenschaft sagt uns, dass wir nur 5 Prozent unseres Gehirns benutzen und erleben daher nur ein Billionstel der Realität. Menschen, die jedoch tief in die Meditation eingedrungen sind, sagen uns, dass es noch viel mehr gibt. Auch wir gelangen dorthin, wenn wir absolut und erbarmungslos ehrlich zu uns selbst sind. Dabei sollte jeder Augenblick, der auf uns zukommt, weder unterdrückt, noch gefördert werden.

 

W. Walter, E'un-Ken