Dr. med. Peter Epple

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

Meringerzeller Straße 30

86415 Mering

 

02.07.2011

Im Grunde ist alles ganz einfach

Erfahrungsbericht über ein Fortbildungswochenende: „Achtsamkeitstraining für Ärzte und Psychologen auf Grundlage des Zen“

 

Langsam verebben die Schwingungen der Klangschale im Raum. Nun ist es still. Der Raum ist groß und schmucklos. Vierzehn Männer und Frauen sitzen ruhig und aufrecht auf ihren Plätzen, die gleichmäßig den Wänden entlang verteilt sind – auf Sitzkissen, Bänkchen oder auf einem Stuhl. „Unser Geist produziert permanent Gedanken“, wird Kursleiter Wolfgang Walter später erklären. „Gedanken über die Zukunft, über die Vergangenheit. Alle möglichen Gedanken. Gedanken, mit denen wir die Welt und uns selbst in Schubladen stecken, mit denen wir alles bewerten. Gedanken, die umherwandern, die uns manchmal beunruhigen, mitunter sogar quälen. Wie wäre es, einmal nichts zu denken, sondern die Wirklichkeit unmittelbar, ohne den inneren Kommentator, zu erfahren? Es geht hier um Loslassen, um das Loslassen von Gedanken und Konzepten. Denn alles, woran wir uns festmachen, macht uns unglücklich.“

Die Kursteilnehmer sind Ärzte und Psychologen. Sie kommen aus ganz Deutschland, ein Teilnehmer sogar aus der Schweiz, und arbeiten in unterschiedlichen Fachbereichen: Es sind Internisten und Anästhesisten, Allgemeinärzte, Neurologen und Psychiater ebenso darunter wie einige  Psychotherapeuten. Seit Jahren bietet der ehemalige Musiklehrer Wolfgang Walter, Anfang 60, zusammen mit seinem Schüler Dr. Werner Völk, Ende 70, Allgemeinarzt im Ruhestand, Kurse für Ärzte und Psychologen an. Diese sind von der Bayerischen Landesärztekammer als Fortbildungsveranstaltungen zertifiziert. Sie finden in bayerischen Bildungshäusern, wie dem Franziskanerinnenkloster Harpfetsham bei Palling, statt. Das, was Wolfgang Walter in den Kursen vermittelt, ist Zen Meditation, ein Form der Meditation, die sich auf dem Weg des Buddhismus von Indien über China und Korea nach Japan entwickelt hat. Der japanische Begriff Zen ist phonematisch abgeleitet aus der Sankritbezeichnung für Meditation, Dhyana, die ins Chinesische als Channa oder Chan übernommen wurde. Wolfgang Walter ist Zenmeister in der Linie der Sanbokyodan Schule, einer neuzeitlichen japanischen Zenschule, in die die beiden Haupttraditionslinien des japanischen Zen, Rinzai und Soto, eingeflossen sind. In dieser Zenschule sind ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch zahlreiche  Europäer und Amerikaner als Schüler aufgenommen worden – zum Beispiel Philip Kapleau, Robert Aitken oder der Jesuit Hugo Enomiya Lassalle und der Benediktiner Willigis Jäger. Zenmeister sind von ihrer Schule autorisiert, Zen zu lehren, also weiterzugeben. Nach Zen-Verständnis besteht eine direkte Vermittlungslinie von Lehrer zu Schüler, die über Bodhidharma, der als erster indischer buddhistischer Lehrer im sechsten Jahrhundert nach China kam, letztlich zurückgeht auf den historischen Buddha Sakyamuni, auch bekannt als Siddharta Gautama, der bis 480 vor Christus lebte.

Doch hier geht es nicht um eine Theorie oder um einen primär philosophischen bzw. konfessionell-religiösen Bezug. Im Zen geht es um unmittelbare Erfahrung. Um die unmittelbare Erfahrung der Wirklichkeit, so wie sie ist. Die Erfahrung des Bewusstseins, so wie es ist. „Es ist dazu wichtig, alle Konzepte und Erwartungen loszulassen“, erklärt Wolfgang Walter nochmals. Auf manchmal provokative Weise erschüttert der Zenlehrer diese Konzepte, in die wir alles einzuordnen gewohnt sind. Er tut dies mit der Absicht, die eigentliche Wirklichkeit dahinter spürbar zu machen. Er möchte sozusagen einen Durchbruch zur Wirklichkeit (Kensho) ermöglichen. „Es geht um etwas Einfaches und Natürliches, nichts Besonderes oder Gekünsteltes“, betont Walter dabei immer wieder. Wirklichkeit und Bewusstsein sind ja schon da, stets unmittelbar zugänglich. Man muss nur offen dafür sein. So beantwortet Walter die Frage, wie man bei der Meditation sitzen solle, provokant-pragmatisch mit den Worten „am besten auf dem Hintern“. „Es geht nicht um die Übernahme asiatischer Kulturversatzstücke oder um etwas Spekulativ-Esoterisches“, stellt er klar. Es geht um die Erfahrung des Hier und Jetzt, so wie es ist.

Meditation ist in diesem Sinne das Einüben einer nicht-wertenden Aufmerksamkeit auf dieses Hier und Jetzt. Auf diesen Augenblick. Auf diese Wirklichkeit. Ich nehme meinen Atem wahr, nehme die Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen wahr, nehme alles wahr, was ist, ohne zu bewerten. Und – lasse es wieder los. Und durch dieses Loslassen übe ich mich ein in die Erfahrung, dass ich letztlich Zuschauer oder Betrachter statt Akteur auf der Bühne meines Bewusstseins bin. „Wenn du frei sein willst, dann wisse: Du bist das Selbst, der Beobachter aller Dinge, das Herz des Bewusstseins. Sitze still in deiner Bewusstheit. Dann bist du sofort glücklich, still für immer, frei für immer, formlos und frei, jenseits der Sinne, der Beobachter aller Dinge“ heißt es in der Ashtavakra-Gita. Das ist die Freiheit, die daraus entsteht: Die Ich-Tätigkeit nimmt ab. Loslassen von Erwartungen, Rollenvorstellungen, Ängsten und Vorurteilen meines Egos, das sich ständig in einem unablässigen Gedankenstrom als „innerer Kommentator“ zu Wort meldet. Es geht dabei um eine menschliche Grunderfahrung, die nicht nur im Lotossitz auf einem japanischen Sitzkissen möglich ist. Sie ist bei jeder Alltagsaktivität (vielleicht sogar bei der Arbeit…) zugänglich. Ich muss sie nicht machen oder erwerben. Die Wirklichkeit ist ja schon da. „Lasst es einmal durch euch arbeiten. Das ist viel weniger anstrengend“, fordert Wolfgang Walter uns auf.  Daher lehnt er „Harakiri-Zen“, also alles übertrieben Angestrengte und Erzwungene bei der Meditationsübung, ab. Zen gleicht vielmehr dem Putzen einer inneren Fensterscheibe: Ist das Bewusstsein ungetrübt von den Verwirrungen des Egos, dann ist der Blick frei für die wahre Natur der Dinge.

Es geht also durchaus um Ansätze, die inzwischen auch im psychotherapeutischen Kontext etabliert sind, etwa in der sogenannten dritten Welle der Verhaltenstherapie. So spielt die Betonung einer nicht-wertenden Wahrnehmung normalerweise sofort als „negativ“ konnotierter Emotionen und Kognitionen in der Acceptance and Commitment Therapy (ACT) nach Hayes et al. eine zentrale Rolle.  Das von Kabat-Zinn entwickelte und bezüglich seiner Wirksamkeit gut belegte Achtsamkeitstraining MBSR (Mindfulness based Stress Reduction) und seine zur Depressionsbehandlung abgewandelte Weiterentwicklung MBCT (Mindfulness based cognitive Therapy) sind thematisch aktuell auf beinahe jedem größeren psychiatrisch-psychotherapeutischen Kongress vertreten. Die von Linehan entwickelte dialektisch behaviourale Therapie (DBT) für die Behandlung von Persönlichkeitsstörungen greift ebenfalls Achtsamkeitselemente auf. Doch auch hier legt Wolfgang Walter Wert darauf, nicht an Konzepten anzuhaften: „Achtsamkeit ist keine Religion“.

Es geht also darum, etwas zu üben, was uns von unserer Prägung als Ärzte oder Psychotherapeuten in einer Leistungsgesellschaft zunächst eher fremd ist: Einfach da zu sein. Bewusst nichts erreichen zu wollen. Eine Fortbildung ohne den Druck, Wissen erwerben zu müssen, ohne prüfbare Resultate. „Streng‘ dich an, aber versuche, nichts zu erreichen“, drückt es ein Koan (ein im Zen traditionell verwendeter paradoxer Lehrspruch) aus. Das japanische Wort Mu (Nichts oder Leere) spielt daher im Zen eine große Rolle, um die Erfahrung der Wirklichkeit näherungsweise anzudeuten. Es entspricht dem Wu der chinesischen Philosophie: „Der Weise handelt durch Nichts-Tun (Wu Wei)“, ist im Daodejing zu lesen. Geschehen lassen können, was geschieht.

Diese Haltung wirkt entspannend und entlastend. Dass Meditation gesundheitsfördernde und stressreduzierende Effekte hat, wurde durch zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen belegt. Nachgewiesen wurden bei Menschen, die sich auf eine regelmäßige Meditationspraxis einließen, zum Beispiel die Abnahme eines unter chronischer Stressbelastung erhöhten Kortisolspiegels sowie eine Blutdrucknormalisierung bei Grenzwerthypertonie. Diese Erkenntnisse sind inzwischen längst auch im populärwissenschaftlichen Mainstream angekommen: So nahm sich der SPIEGEL unter anderem mit den Hefttiteln „Wege aus dem Stress“ (in der Ausgabe 48/2008) und „Ausgebrannt. Das überforderte Ich“ (in der Ausgabe 4/2011) des Themas an. Auch der Hefttitel „Sehnsucht nach Ruhe. Was gegen Stress und Erschöpfung wirklich hilft“ des Sternmagazins Gesund leben (Ausgabe 3/2011) zeigt, wie wichtig das Thema Entspannung in unserer stressgeplagten Gesellschaft offensichtlich geworden ist. Insofern geht es bei dem Kurs auch um Gesundheitsfürsorge –nicht nur für Patienten, sondern auch für ihre behandelnden Ärzte und Psychotherapeuten. Angehörige helfender Berufe haben ja bekanntlich ein signifikant erhöhtes Burnout-Risiko. Das ist wohl auch einer der Gründe dafür, dass die Bayerische Landesärztekammer für die Teilnahme an einem  Achtsamkeitswochenendes bei Wolfgang Walter und Dr. Werner Völk 18 Fortbildungspunkte vergibt. Dennoch ist Zen Meditation kein Entspannungsverfahren, stellt Wolfgang Walter klar. Denn auch der Wunsch, Entspannung erreichen zu wollen, ist ja wieder eine Absicht, die uns erst einmal von der unmittelbaren Erfahrung unserer Wirklichkeit entfremdet. Das „absichtslose Verweilen in dem, was ist“, führt sozusagen eher als Nebeneffekt zu einer entspannteren Grundhaltung, zu Gelassenheit.

Eine Übung, die ganz einfach und doch nicht leicht ist: Als die Klangschale am Ende der zwanzigminütigen Meditationseinheit erneut ertönt, schmerzen die Unterschenkel, und der rechte Fuß ist eingeschlafen. Nach der Sitzmeditation (Zazen) folgt nun eine Gehmeditation (Kinhin), die wohltuend für die Beine ist. Später fordert Wolfgang Walter uns auf, einfach einmal bewusst die Natur draußen wahrzunehmen und den Kaffee aufmerksam schweigend zu genießen. Ja, es tut gut, im Augenblick zu sein. Jedem Menschen. Und eben auch Ärzten und Psychologen.

Dr. med. Peter Epple

 

Zen für Ärzte und Psychologen

Vertiefendes Achtsamkeits-Training im psychologischen und ärztlichen Kontext auf der Grundlage von Zen

 

"Eine Diagnose ist nichts anderes, als das Wirken der Wirklichkeit zu erspüren und entsprechend zu handeln."
(W. Walter)

 

Um in Zeiten stetigen und beschleunigten Wandels und wachsender Komplexität beruflich erfolgreich und leistungsfähig sein zu können und zu bleiben, bedarf es neben dem professionellen Know-how auch noch anderer Angebote, die Energien und inneren Kräfte zu sammeln, um so Intuition und Wachsamkeit zu schulen.

Kursteilnehmer in Meditationshaltung

Das ärztliche und psychotherapeutische Handeln beinhaltet ein Berufsbild mit außerordentlichem Verantwortungs-Hintergrund. Diese Verantwortung tragen und verwirklichen zu können bedarf es auch einer entsprechenden mentalen Haltung und Übung. Vielfach wird der Beruf des Psychologen, Psychotherapeuten und Mediziners heute überlagert von Stressmomenten wie starkem Zeitdruck, überlangen Arbeitszeiten, emotionalem Druck und verwaltungstechnischer Überlastung. Als Folge davon können erhebliche psycho-physische Schwankungen, konzentrative Störungen und Unbedachtsamkeiten entstehen, die sich bis zu manchem vermeidbaren, fehlerhaften Handeln im psychotherapeutischen und medizinischen Alltag auswirken können.

Achtsamkeits-Training ist eine wirksame Hilfe, klarer und gelassener in den Augenblick des eigenen Tuns und der Kommunikation mit dem Patienten zu gelangen. So können die gegebene Situation, die eigenen Aussagen und die Signale des Patienten deutlicher wahrgenommen werden. Achtsamkeitsmeditation ist die grundlegende Technik der Geistesschulung und achtsamkeitsbasierte Interventionsansätze finden immer mehr Beachtung in der Behandlung von körperlichen und psychischen Krankheiten wie auch im Bereich der Prävention.

Achtsamkeit ist die Kunst, ganz im gegenwärtigen Moment zu sein. Das kann einer so wichtigen Erhebung wie einer Anamnese sowie der nachfolgenden Diagnose und Behandlung sehr zugute kommen.

Achtsamkeit erstreckt sich auch auf den Umgang mit negativen Gefühlen wie Wut, Angst oder Verzweiflung, die in der Achtsamkeits-Praxis eine heilsame Transformation erfahren. Dementsprechend wird für das Zusammenspiel von Heilung, Mitgefühl und Weisheit das transformative Potential von Achtsamkeit im sozialmedizinischen Kontext immer bedeutender.

 

Ziele:

  1. Verbesserung der Qualität medizinisch-fachlichen Handelns
  2. Verbesserung der Kommunikationsfähigkeit im Umgang mit Patienten und im Team
  3. Erkennen eigener mentaler Haltungen
  4. Verbesserung der eigenen Wahrnehmungsfähigkeit
  5. Förderung von Intuition und Kreativität

 

Ein etwas verspäteter Leserbrief zum „Achtsamkeitstraining für Ärzte auf der Grundlage des Zen“, DÄ Heft 19,S. 103, 9.5.2008

In der Mai-Ausgabe des Ärzteblattes las ich mit großem Interesse über das Fortbildungsabenteuer „Achtsamkeitstraining auf der Grundlage des Zen“. Dieser Artikel machte mich so neugierig, dass ich mich an meinen Computer setzte und die Web-site: zen-walter.de suchte. Und: Ich wurde noch neugieriger. So kam ich zu meinem ersten ZEN-Kurs bei Wolfgang Walter, hoch oben auf einem Berg in Österreich. Es ist schon seltsam, aber dieses Wochenende hat ich mich vollkommen verändert. Ich will hier nur zwei Beispiele aus meiner Praxis schildern:

Eine Schmerzpatientin sagte mir, sie würde schon alleine deshalb so gerne zu mir kommen, weil ich so eine "frohe Ausstrahlung" hätte. Ich frage mich: Wie mag das wohl vor dem Kurs gewesen sein?

Ein anderer schwer zugänglicher Patient, den ich homöopathisch u.a. wegen chronischer Schulterschmerzen behandelte, konnte endlich seine große Angst um seine Familie artikulieren - wohl, weil ich ihm mit größerer Ruhe begegnete. Mir wurde bewusst, dass ich mit einem Mal die Patienten anders wahrnahm. Und abends war ich - trotz gleicher Patientenzahl wie vor dem Kurs - nicht mehr so kaputt.

Inzwischen habe ich mein zweites Wochenende mit Sitzen, Schweigen, meditativem Gehen, und Gesprächen mit dem Zen-Meister verbracht. Mal sehen, was die Patienten nächste Woche sagen.

Ich bin sehr froh, dass dieser Artikel im Ärzteblatt stand - und dass ich ihn gelesen habe.

Ein Hoch auf die Bayerische Landesärztekammer, dass sie diesen Kurs zertifiziert hat. Ein wahrer Segen für die Ärzteschaft.

Gisela Werner

Ärztin für Chirurgie,

Unfallchirurgie,

Homöopathie u. Akupunktur

 

 

Die neuen Hoffnungsträger

Der Kranke geht zum Arzt und sucht Hoffung, denn die Medizin hat den Anspruch, alles heilen zu können. Doch sie weiß nicht, wie sie mit Unheilbarkeit und Tod umgehen soll. Oft lassen wir uns von diesen Hoffnungsbildern anstecken. Doch was ist, wenn es keine Hoffnung mehr gibt? Ärzte und Psychologen sind in der Rolle als Hoffnungsträger meist überfordert, zumal dann, wenn sie an ihre beruflichen Grenzen stoßen.

Die Entwicklung in der Psychotherapie und in der Medizin geht neuerdings dahin, die spirituelle Dimension des Menschen stärker in den Vordergrund zu rücken. Grund für diesen Paradigmenwechsel ist der Wertewandel von einer reinen rationalen Betrachtung der Außenwelt hin zur Innenschau (von der Einsicht zur Ein-Sicht). Der Weg dahin führt über ein Innehalten, Übungen in der Stille, sowie einer achtsameren Wahrnehmung dessen, was wir in uns erleben.

Psychologen, Psychotherapeuten und Ärzte aus allen Bereichen wissen heute, dass Verspannungen, Ängste und Stress oft aus früh erlernten Abwehrmechanismen und –mustern resultieren und unsere Energien, die Liebesfähigkeit, Kreativität und Lebenslust blockieren. Daraus rsultieren oft psychosomatische Erkrankungen bis hin zum Burn-Out. Wir haben unsere Psyche eingefroren und was einst ganz unbekümmert dahingeflossen ist, beginnt langsam übel zu riechen. Wir müssen wieder in Fluss kommen.

Achtsamkeit

 

Achtsamkeit ist zu einem wesentlichen Leitbegriff geworden. So diskutierten Psychologen und Mediziner vom 16. bis 18. März 2006 über die Achtsamkeit als neuem Leitbegriff für Gesellschaft und Beruf.

Achtsamkeit ist ein sinnstiftendes Element, das in den persönlichen und beruflichen Alltag hineinwirkt. Beeinflusst von Zen, Yoga und vielen anderen Wegen, die uns die Innenräume erschließen, entwickelte sich in der Psychologie und Therapie eine neue Disziplin: MBSR (Mindfulness-Based Stress Reducation), eine auf Achtsamkeit basierende Bewältigung und Reduzierung von Stressfaktoren. Doch wir sollten uns im Klaren sein, dass die eigentliche Quelle aus uns selbst kommt und alles andere lediglich Adaptionen sind, denen man neue Namen gegeben hat, wie z.B. Zen, Spiritualität, Transzendenz usw. Dies ist nicht abwertend gemeint, aber ich halte es für notwendig, zu erwähnen, dass Achtsamkeit nichts Neues ist, sondern ein uraltes Mittel, den eigentlichen Menschen in sich zu entdecken.

 

Was ist Achtsamkeit?

Im Allgemeinen gibt es zwei Übungen der Achtsamkeit. Die Achtsamkeit auf ein „Objekt“ bezogen (Atem, Mu, Koan) und die gestreute Achtsamkeit (im Zen als Shikantaza bezeichnet).  Beide Möglichkeiten führen in einen Bewusstwerdungsprozess. Dabei geht es nicht um ein Vermeiden, Analysieren oder Kontrollieren von Krankheit, Stress oder Angst, sondern um ein Akzeptieren dessen, was gerade vor unserem Bewusstsein auftaucht. Wenn wir das Wetter draußen betrachten, stellen wir fest, dass es nicht nur den blauen Himmel gibt, sondern auch Sturm, Blitz und Donner, ebenso wie trübe Tage. Daran ist nichts Negatives, es gehört einfach dazu. Doch wir haben es uns angewöhnt, alles in und um uns herum zu interpretieren und in Kategorien einzuteilen. Wir leben in einer zweigeteilten, dualistischen Welt. Kaum haben wir diese Welt betreten, interpretieren wir sie und erschaffen so eine zweite Wirklichkeit. Wir kreieren Konzepte, denen wir oft ein Leben lang vertrauen, ohne sie hinterfragt zu haben. Beispielsweise: „Ich bin ein Mensch.“ Doch was ist der Mensch? Wer bin ich wirklich? Woher komme ich und wohin gehe ich? Was ist der Sinn dieser 70 oder 80 Jahre auf diesem Planten? Wir sagen: Wir sind dieser Körper. Doch empfinden sich Menschen, die ein Bein verloren haben, als weniger Mensch? Wir sagen: Wir sind vernunftbegabte Wesen. Doch was ist der Geist, der hinter allem steckt und Vernunft und Denken erst möglich macht? Können wir ihn erfassen?

 

Wir leben in Deutungsmustern

Wenn wir genau hinsehen, erkennen wir: Wir leben in Deutungsmustern von uns und der Welt, von Innen und Außen. Wir verstehen weder unsere psychischen Muster und Konditionierungen, noch sind wir uns dessen bewusst. Damit beginnt die Tragödie. Unbewusst tun wir Dinge, die uns und anderen schaden. Ja manchmal fragen wir den Teufel persönlich, wie wir aus der Hölle herauskommen. Oder anders gesagt: Manch einer bastelt an seiner Hölle, bis sie perfekt ist. Das macht unser Menschsein oft zur Tragödie. Ich möchte darauf hinweisen, dass all dies nichts Negatives an sich ist, es ist einfach nur leidvoll. Leid gehört zu unserem Menschsein. Es ist lediglich die andere Seite der gleichen Medaille.

Der Weg durch die Mitte

Buddha hat den Weg durch die Mitte gelehrt, d.h. es geht darum, beide Extreme zu vermeiden. Dies wird jedoch oft missverstanden und als Fatalismus interpretiert, als müsste man alles so nehmen wie es ist, als dürfte man überhaupt nichts verändern. Doch im Wesentlichen geht es dabei um ein absolutes inneres Gleichgewicht, das alles nimmt wie es ist. Meister Dogen spricht von So-Sein. Das bedeutet: Ich darf so sein wie ich bin. Die Wolken in mir sind grau, es darf so sein. Die Frage ist: Kann ich das trübe Erscheinungsbild in mir als das akzeptieren, was es ist oder versuche ich ständig, die Welt um mich herum so zu manipulieren, dass sie in meine Schubladen passt?

Fortbildungsabenteuer auf der Grundlage des Zen

(Veröffentlichung im deutschen Ärzteblatt Mai 2008)

„Aus meiner langen Erfahrung als niedergelassener Arzt weiß ich einerseits um den besonderen Verantwortungshintergrund dieses Berufes, andererseits aber auch um die Schwierigkeiten, dieser Verantwortung noch ernsthafter nachzukommen in einer Zeit zunehmender Stressmomente infolge des deutlichen Zeitdrucks, überbordender Verwaltungsarbeit und berufspolitischer und auch ökonomischer Schwierigkeiten. All diese Faktoren bedrohen beim Einzelnen die mentale Balance und auch die körperliche Verfassung. So wurde der Gedanke an ein vertiefendes Achtsamkeitstraining auf der Grundlage des Zen geboren. Es ist ein wirkungsvoller Übungsweg, den ich selbst seit zwei Jahrzehnten gehe. Nachfolgend der Bericht eines jungen Arztes über ein solches Fortbildungs-Wochenende.“ (Dr. med. Werner Völk)

 

Klack – zwei Klanghölzer schlagen aufeinander. Ich erschrecke und bin ganz da. Wir verbeugen uns. Zwölf Ärztinnen und Ärzte unterschiedlichen Alters lassen sich langsam auf ihren Meditationsbänkchen und Sitzkissen nieder, um still und aufrecht vor einer leeren Wand zu sitzen. Schweigen. Auch ich habe mir diese Auszeit genommen, denn hier geht es einmal nicht um den Patienten, hier geht es um mich. Das tut gut. Schweigen ist angesagt. Der Atem soll einfach frei kommen und gehen, genauso wie die drängenden Gedanken und Vorstellungen. Nichts Besonderes, nichts zu tun, nur Zulassen und gelassen im Hier und Jetzt sitzen. Das klingt einfach, denke ich mir, doch nach fünf Minuten weiß ich, dass es das nicht ist. Minuten ziehen dahin, das Gedankenkarussell dreht sich. Mein Kommentator meldet sich: „Warum tue ich mir das an? Zu Hause wäre es so gemütlich. Statt essen sitze ich hier im Franziskaner-Kloster und meditiere.“ Ich habe schon einiges über Zen gelesen und war fasziniert, aber ausprobiert habe ich das nie. Endlich wird es ruhiger in mir. Ich spüre meine Beine - sie sind eingeschlafen. So vergehen die ersten zwanzig Minuten. Das erlösende Schlusssignal der Klangschale ertönt. Langsam stehen wir auf. Nun ist meditatives Gehen an der Reihe, Kinhin, wie es im Zen heißt. Nur gehen, den Blick nach unten gerichtet, Schritt für Schritt, spürend, achtsam, mühelos. Ich staune: Erfahrene Ärztinnen und Ärzte lernen das Gehen! Das meditative Gehen wird zunächst durch einige Sätze begleitet: „Schau zu, wie es geht. Lasse dich gehen. Der Kopf ist ganz in den Beinen. Konzentriere dich nur auf den Prozess des Gehens.“ Stille. Nur das Rascheln der Kleidung ist bei jedem Schritt zu hören. Ich gehe wortlos, nur konzentriert auf diesen Schritt.

Beim Vortrag spricht der Zen-Meister vom Anfängergeist, vom Tun, als wäre es das erste Mal. Dabei geht es nicht darum, etwas zu lernen, sondern um ein Ablegen gedanklichen Ballastes. Plötzlich fühle ich mich persönlich angesprochen. Der Meister spricht über meine Träume und Visionen als Arzt, über mein Verlangen, die richtige Diagnose zu stellen und besser zu sein, als die anderen, über eine Verlängerung des Lebens um jeden Preis, ein Vermeiden-Wollen des Todes und über den Verlust der Qualität des Lebens zugunsten der Quantität.  Mir wird klar, dass ich ständig zwischen Heilenwollen und der Ohnmacht als Mediziner schwanke und dass ich oft den Tod als Feindbild und persönliche Niederlage betrachte.

Nach dem Kaffeetrinken ist Zeit für einen ausgiebigen Spaziergang. Ich sehe die Welt mit neuen Augen, ganz bewusst, ganz im Jetzt. Und ich entdecke die Einfachheit und Schönheit eines Grashalms, der sich leicht im Wind hin und herwiegt. Ist mir das Leben verloren gegangen, obwohl ich ständig darum bemüht bin?

Neben diesen persönlichen Einsichten gibt es auch gemeinsame und vertiefende Gespräche unter den Kollegen, ein Kennenlernen von Ängsten und Nöten in diesem Beruf. Ich weiß jetzt, dass ich damit nicht alleine bin. Das beruhigt mich.  Der Zen-Meister erläutert, wie man damit umgehen soll. Vorträge über Sein und Nichtsein, den Dualismus und das Hin- und Hergerissensein unterbrechen den Tag. Mir wird bewusst: Das Leben ist sehr zerbrechlich, auch meines. Schweigend essen wir. Nur das, dieses Schmecken, dieses Genießen und Schlucken. Es geht nicht um gestern und morgen, es geht nur um diesen Augenblick: Da-Sein für den Menschen, ihm zuhören, um einen größeren Einblick in sein Leben und seine Situation zu bekommen. Ein Satz des Meisters geht mir nicht mehr aus dem Kopf. „Es geht im Leben nicht darum, was ich tue, sondern wie ich es tue.“

Das Wochenende vergeht wie im Flug. Wieder zurück im Alltag weiß ich: Ich werde wiederkommen. Ich dachte, ich habe das für mich getan, doch jetzt ist mir klar: Ich habe es auch für meine Patienten getan. Und dafür gibt es bei der BLAEK noch 21 Fortbildungspunkte zur Belohnung, wenn man das Achtsamkeitstraining auf der Grundlage des Zen annimmt.“

Siehe auch: www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?src=heft&id=60108 )

 


Zen für Ärzte - Ein Training der inneren Achtsamkeit

Die jahrtausende alte Technik der inneren Versenkung wird in der Tradition der überkonfessionellen Zen-Meditation von Zen-Meister W. Walter/ E'un-Ken („Wolke der Weisheit") und Dr. med. Werner Völk für Ärzte angeboten.
Die Bayerische Landesärztekammer (BLAEK) honoriert diesen wohltuenden Weg mit 23 Fortbildungscredits im Rahmen eines Wochenendes.
Das vielleicht eindrücklichste Erlebnis dabei ist die ehrliche menschliche Offenheit, die warme vertrauensvolle Annahme und die aus der Tiefe entspringende überwältigende Freundlichkeit der beiden Lehrer. Im Gespräch mit ihnen wird schnell klar, dass der Weisheitstitel zu Recht verliehen wurde.
Im kleinen Kreis von gleichgesinnten Kollegen mit ähnlichem Erfahrungshintergrund wird schnell eine intime Nähe, auffangende Sicherheit und geborgene Vertrautheit möglich.
Dabei werden die Übungen nicht streng, sondern menschenfreundlich und humorvoll angeboten.
In Einzelgesprächen, Gruppenunterweisung, Naturerleben, Gehmeditation und natürlich dem klassischen „Sitzen" wird von Morgens 06:30 h bis Abends 21:30 h stets versucht, die innere Ruhe, Bewusstheit, Achtsamkeit, Einsicht, Losgelöstheit, etc. anzuregen. Es besteht ständig die Möglichkeit, persönliche Fragen aus allen Bereichen des Lebens mit den beiden erfahrenen Anleitern zu besprechen und kann gewiss sein, wahrhaftige Antworten zu erhalten. Auch wer, aus welchen Gründen auch immer, nicht auf dem Boden bzw. einem Kissen sitzen mag, ist gerne eingeladen, auch auf einem Stuhl beizuwohnen.
Die Einführung ist zum Schnuppern für Neugierige auch ohne Vorkenntnisse ebenso geeignet, wie für Hungrige oder zum Geschmack finden. Nicht das Kochbuch-Lesen genügt, das Leben will gegessen sein.
Im Grunde ist die Besinnung auf einen Selbst für jeden Menschen eine Wohltat, gerade aber für uns Ärzte, die wir oft genug vielfältigen Anforderungen täglich ausgesetzt sind, würde ich persönlich eine regelmässige Übung ans Herz legen wollen. Und dies sicher nicht nur auf dem Weg zur „Erleuchtung", sondern zum wieder Erlernen der Demut vor dem Leben, welche wir „Halbgötter" nur zu schnell zu vergessen drohen. Dabei ist es natürlich ein wirklicher Luxus, die Zeit und Energie sich nehmen zu können, dem Weg zu sich selbst folgen zu dürfen, statt im täglichen Existenzkampf unterzugehen.
Zur Krönung wird denn für mich als Novizen die Verschmelzung dieser Achtsamkeit mit der täglichen Arbeit, ganz da zu sein, im Augenblick ganz bei den Patienten zu sein und ein tieferes Verstehen zu ermöglichen.
Das Tanken von Energie, Kraft und Freude verbunden mit einer leichten Heiterkeit und höheren Konzentration neben einer tiefen inneren Zufriedenheit und Ausgeglichenheit stellen schöne „Abfall"-produkte dar. So wundert es denn nicht, wenn die Mitmenschen zu Hause fragen, ob man verliebt sei.
So ist denn der Tag rundherum ausgefüllt mit „Nichts-tun" im Geschehen lassen.
Ein Kloster im Voralpenland als Aufenthaltsort für das Wochenende, stellt denn mit der traditionellen Gastfreundschaft den perfekten Rahmen zur Vollkommenheit der gesamten Eindrücke dar.
Es stellt sich eine Ahnung nach der Vollkommenheit ein. In jeder Sekunde einfach ganz da zu sein. Getragen werden. Spüren, wer man selber in der weltumspannenden Einheit ist, wenn der innere Kommentator zur Ruhe kommt. In jedem Augenblick die Verbundenheit in Jeglichem mit Gott erleben. Den inneren göttlichen Funken spüren ohne das eigene Bewusstsein dabei zu haben. Es ist da. In jedem Staubkorn. In jedem Augenblick. Die Glückseligkeit kann ersessen werden.

Dr. med. Heimo Sillmann
Facharzt für Arbeitsmedizin u. Physikal. Therapie
Zertifiz. medizin. Gutachter (Swiss Insurance Medicine) St. Gallen
März 2010

Veröffentlichung im Schweizer Ärzteblatt