Teisho
Es kam einmal ein Mann zu Buddha. Er war ein großer Gelehrter, der viele Bücher geschrieben hatte und im ganzen Land bekannt war. Er sagte zu Buddha: „Ich bin mit einem Dutzend Fragen gekommen und du musst darauf antworten.“ Buddha sagte: „Ich werde antworten, aber du musst eine Bedingung erfüllen. Ein Jahr lang musst du ganz still bei mir bleiben. Dann werde ich dir antworten, vorher nicht. Ich könnte auch jetzt antworten, aber du würdest die Antworten nicht empfangen können, da du nicht bereit bist. Was immer ich sage, würdest du missverstehen, denn dein Kopf ist überfüllt mit Interpretationen. Alles, was ich sage, wird durch deinen Verstand gefiltert. Sei ein Jahr lang einfach nur still, damit du dein Wissen loslassen kannst. Wenn du leer bist, werde ich alle deine Fragen beantworten. Das verspreche ich dir.“ Als Buddha dies sagte, begann Sariputta, einer seiner Jünger, wie verrückt zu lachen. Der Gelehrte fühlte sich beschämt und fragte: „Was ist los? Warum lachst du?“ Sariputta antwortete: „Ich lache nicht über dich. Ich lache über mich selbst. Dieser Mann hat auch mich hereingelegt. Ich bin mit vielen Fragen hierher gekommen und er sagte: ‚Warte ein Jahr’. Und ich wartete. Ein Jahr ist vergangen. Jetzt lache ich, denn jetzt sind meine Fragen verschwunden. Und er sagt immer wieder: ‚Jetzt darfst du deine Fragen stellen.“ Aber ich kann die Fragen nicht stellen, weil sie verschwunden sind.“
Warum sind wir Menschen so angespannt? Warum haben wir so viele Sorgen und Ängste? Warum sind wir nicht ruhig und gesammelt? Warum sind wir nicht in unserer Mitte? Warum werden wir ständig hierhin und dorthin gezerrt? Weil wir vergessen haben, wer wir sind.
Wir können das beim Sitzen selbst herausfinden. Wenn wir Geld haben wollen, wer sind wir in diesem Augenblick? Da ist nur die Geldgier, sonst nichts. Unser Geist ist zu einem gierigen Geist geworden. Wenn wir wütend sind und unser Ego verletzt ist, wer sind wir? Wir sind dann einfach nur Wut, ein verwundetes Ego, sonst nichts. Unser Geist ist zu einem wütenden Geist geworden. Wenn wir beim Sitzen darauf achten, werden wir viele Gedanken in uns finden, aber nicht, wer wir wirklich sind. All diese Gedanken zerreißen uns. Jeder Gedanke geht seinen eigenen Weg. Wer beispielsweise dem Geld wie verrückt hinterherrennt, kann Sex völlig vergessen. Für einen Geizhals ist es ganz leicht, enthaltsam zu sein. Ein Wissenschaftler, der ganz in seiner Forschung aufgeht, kann das andere Geschlecht völlig vergessen. Sein ganzes Denken geht nur in eine Richtung. Sein Blickwinkel wird immer enger und enger. Das nennt man dann Spezialisierung. Solche Menschen sind wirklich sehr arm dran.
Im Zen geht es um die innere Reife, um inneres Wachstum. Es geht darum, alle inneren Figuren loszulassen. Es geht darum, still und ganz allein zu sein, sich selbst zu genügen. Das ist am Anfang nicht einfach. Der Weg zu sich selbst gleicht einem Wachstum, das uns aus unserem eigenen Wesen heraus widerfährt. Wirklichkeit ist nicht etwas, was draußen entdeckt werden könnte. Das, was wir wirklich sind, steigt aus unserer eigenen inneren Tiefe auf, sprudelt aus unserer eigenen Quelle hervor. Die meisten Menschen suchen Liebe, Glück und Geborgenheit. Sie suchen etwas, das ihnen verloren gegangen ist.
Wir haben neun Monate im Bauch unserer Mutter gelebt, vollkommen beschützt in einer wunderbaren warmen Atmosphäre. Wir hatten keine Sorgen, keine Verantwortung, nicht einmal für das Atmen. Wir brauchten nicht einmal selbst zu atmen. Die Mutter atmete für uns. Wir brauchten uns nicht zu sorgen, wenn wir hungrig waren. Die Mutter fütterte uns ständig. Wir waren beschützt und sicher. Wir hatten keinerlei Bedürfnisse. Doch wir mussten den Mutterleib verlassen. Das war notwendig für unser Wachstum. Bequemlichkeit ist niemals in der Lage, unser Wachstum zu fördern. Wir müssen den Mutterschoß verlassen und das erste, was wir tun müssen, die Grundlage für unser Überleben, wir müssen selbst atmen. Zunächst sind wir noch abhängig von der Mutterbrust, bis wir auch davon entwöhnt werden. Aber wir sind immer noch abhängig. Dann gehen wir zur Schule und lernen viel. Wir werden immer unabhängiger, werden immer mehr zum Individuum. Eines Tages verlieben wir uns und sind von der Mutter ganz getrennt. Im Leben müssen viele psychologische Wurzeln durchtrennt werden, weil wir uns viele psychologische Mütter geschaffen haben. Wir müssen die Eltern verlassen, wir müssen unsere Vergangenheit hinter uns lassen, wir müssen unabhängig werden. Wir müssen ganz für uns selbst verantwortlich werden. Erst dann werden wir unseren Geist verstehen. Solange wir von anderen abhängig sind, wird uns diese Abhängigkeit daran hindern, zu verstehen, wer wir sind. Wir müssen alle Wurzeln durchtrennen, erst dann werden wir in unser eigenes Wesen schauen und uns selbst begegnen. Das ist der einzige Weg, das Immaterielle zu erfahren.
Buddha hat nie über Gott gesprochen, weil es nicht möglich ist, über Gott zu sprechen. Was immer man über Gott sagen kann, ist falsch. Gott ist etwas, was nicht gesagt werden kann. Und selbst, wenn man sagt, dass nichts gesagt werden kann, hat man schon etwas gesagt. Ludwig Wittgenstein, einer der größten Denker unserer Zeit, hat einmal gesagt: „Was nicht gesagt werden kann, darf auch nicht gesagt werden. Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Buddha hat nie das Wort Gott benutzt. Er hat immer nur gesagt: „Ich kann dir den Weg nach innen zeigen. Geh und schau selbst.“
Gedanken sind innere Materie. Wenn wir die Gedanken sich auflösen lassen, bleibt nur das Immaterielle übrig, das, was wir wirklich sind. Was aber ist das, was wir wirklich sind?
Quantenphysiker der heutigen Zeit, wie beispielsweise Ulrich Warncke, erklären dies so: „Der weitaus größere Raum in uns und um uns ist der zwischen den Elektronen und Atomkernen. Jedes Atom besteht zu mehr als 99,999% aus masseleerem Raum. Wir bestehen komplett aus Atomen und deshalb besteht tatsächlich der Raum unseres Körpers, auch unser Gehirn, zu mehr als 99,999%, also fast vollständig, aus Leere. Würden wir diese Leere aus unserem Körper entfernen, so bliebe von uns bei gleichem Gewicht nichts Sichtbares mehr übrig. Ein Mensch von 2 m Größe wäre ohne den Raum zwischen den Atomkernen, den wir hier als Vakuum bezeichnen, ca. 20 µm (Mikrometer) also 20-6 m groß, 0.00002m oder 0,002mm. Wenn wir fast vollständig aus diesem Vakuum bestehen, dann müssen wir diesem Raum entsprechende Beachtung schenken.
Der Teil des Vakuum-Raumes, der die masselosen Ladungen enthält, ist funktionell nicht auf unseren Körper beschränkt. Er geht fließend über in den identischen Raum um uns herum und in den des Universums“.
„Das Universum, die Natur, wir Menschen eingeschlossen, bestehen aus Schwingungen…. Wenn wir uns gegenseitig und unsere Umgebung so sehen, wie wir es gewohnt sind, dann liegt das allein an unserem Sinnesorgan Auge in Verbindung mit dem Form- und Gestaltenbildner Gehirn. Im physikalischen Wellen-Feldbereich oder auch im Wellenfunktions-Informationsbereich haben wir ein vollkommen anderes Aussehen und dieses andere Aussehen entspricht unserer eigentlichen wahren Natur.“
„Stellen Sie sich einen unbegrenzten Raum vor, der vollkommen frei von Masse ist, ein Vakuum. Ein derartiger unendlicher Vakuum-Raum ist nicht wirklich leer, auch wenn es aus unserem Blickwinkel so scheinen mag, sondern im Gegenteil, dieses Vakuum ist ein Meer aller Möglichkeiten – voller Energie. Ein kleinerer Teil dieses Meeres aller Möglichkeiten ist in uns Menschen erhalten geblieben, genau so, wie in allen anderen Organismen, wie in aller Natur und aller Umwelt. Es ist der masselose Raum zwischen Atomkern und Elektron und der masselose Raum zwischen den Atomen.“
Jede unserer Erfahrungen wird als geistiger Informationsprozess innerhalb des Vakuums für die Ewigkeit gespeichert. Daraus ergibt sich ein gewaltiges Informationsfeld, das jeder Natur-Konstruktion zur Verfügung steht und das immer geist-reicher wird.
„Alles, was wir als Raum-Zeit-Muster wahrnehmen, ist in Wirklichkeit ein Konglomerat aus Wellen und Frequenzen – wie wir selbst. Damit bewahrheitet sich, was uns die Alten Weisen schon in frühester Zeit sagten, nichts existiert so, wie wir es wahrnehmen, nämlich als feste Form und Gestalt. Vielmehr ist alles eine Illusion, Maya, der wirkliche Urgrund der Dinge ist, so sagen die Alten Weisen, nichts anderes als eine unermessliche Symphonie von Schwingungen und Überlagerungen dieser Schwingungen zu Mustern.“
Haben Sie schon einmal bei ihrem Flug in den Urlaub beobachtet, wie das Flugzeug über die Wolken aufsteigt? Alle Wolken sind plötzlich unter uns und nichts ist da, als reiner, blauer Himmel. Das ist unser wirklicher Zustand. Wir durchdringen die Wolken des Verstandes, die Wolken der Gedanken und nach und nach sind auch die Wolken der Leidenschaften verschwunden. Das ist unsere Übung. Aber das ist keine Verdrängung im Freudschen Sinn. Wir unterdrücken nicht die Gedanken, wir entziehen ihnen einfach die Energie. Wir kooperieren nicht mehr mit ihnen, wir klinken uns nicht mehr ein. Wenn wir jedoch dagegen ankämpfen, bleiben wir an ihnen haften und wir werden weiterhin Angst davor haben. Zen sagt: Beobachte es einfach. Lass es da sein. Betrachte einfach sein Kommen und Gehen. Es blitzt in deinem Kopf auf und versucht, dich auf seine Seite zu ziehen. Du bleibst einfach aufmerksam und lässt keine Unbewusstheit zu, sonst wirst du davon erfasst. Du bleibst einfach aufmerksam.
Im Grunde muss man nur achtsam sein. Dann ist man wie ein Haus, in dem die Lampen brennen. Die Diebe fürchten sich, hereinzukommen. Wenn jedoch keine Lampen an sind und das Haus dunkel ist, ist es leicht für die Diebe, hereinzukommen. Ein Mensch, der wirklich achtsam ist, ist wie ein hell erleuchtetes Haus, vor dessen Tür ein Wächter steht, hellwach. Dann wird es für die Diebe schwierig sein, einzudringen. Sie werden es nicht wagen. Die Gedanken können nicht in uns eindringen. Sie werden vor der Tür herumlungern und werden versuchen, dich zu überreden. Aber wenn wir sie einfach nur beobachten und uns auf keinen Dialog mit ihnen einlassen, werden sie von selbst wieder verschwinden. Denn sie leben nur durch unsere Kooperation. Wenn wir jedoch beginnen, dagegen anzukämpfen, werden wir neue Probleme schaffen. Wir werden zu einem problematischen Geist. Daher müssen wir zum Zuschauer werden.
Wenn wir beginnen, sie zu beobachten, werden uns immer neue Schichten bewusst. Und es sind viele Schichten da. Wenn die groben Schichten fort sind, kommen die feineren Schichten zum Vorschein. Unser meditatives Leben gleicht einer Zwiebel. Wir schälen sie und eine neue Schicht ist da. Wenn wir diese abschälen, kommt die nächste, eine Schicht nach der anderen. Und je tiefer wir kommen, desto mehr finden wir. Viele Dinge, die Jahre zurück liegen. Je tiefer wir in unseren Geist hineinschauen, desto weiter gehen wir in unserer Kindheit zurück. Viele Dinge, die vergessen waren oder verloren sind wieder da. Alte Bekannte, die längst gestorben sind, tauchen plötzlich wieder auf. Nichts geht jemals verloren. Wenn wir jedoch immer weiter und weiter schälen, kommt ein Augenblick, in dem unsere Hand plötzlich leer ist. Alle Schichten sind weg. Wenn wir an dem Punkt ankommen, an dem wir nichts mehr finden können, sind wir in unserem inneren Sein angelangt. Dieses Sein hat keine Schicht mehr, nichts was es eingrenzt oder einengt. Dann sind wir frei. Dann sind wir ein fließender Strom geworden, den nichts mehr behindert.
Die Bedeutung des Flusses liegt im Fließen des Wassers. Ein Fluss ohne Fließen wäre kein Fluss. Das Fließen ist der Fluss, ansonsten wäre die Bedeutung des Wasserkörpers eine andere, etwa ein See oder eine Wasserlache. Auch eine Maschine wird erst bedeutungsvoll, wenn sie aktiv ist. Erst dann wird ihre Funktion deutlich.
Im Zen geht es darum, vom scheinbar sicheren Ufer in den Fluss zu springen, denn das Ufer kennt kein Wachstum und kann sich nicht entwickeln. Es ist statisch, das Leben stagniert, es ist tot. Erst wenn wir in den Fluss springen und mitfließen, beginnt die Reise, verändert sich unser Leben und transformiert sich. Dann stehen wir am Anfang einer Umwandlung, einer Metamorphose und jeder Augenblick wird neu sein. Und eines Tages wird der Fluss den Ozean erreichen und sich im Ozean auflösen. Dann wird unser wahres Leben beginnen.
Teisho
Unser Ich ist ein Modell, das sich selbst ständig bestätigt haben will, um seine Existenz aufrecht zu erhalten. Es ist eine Art Überlebensmechanismus, den wir entwickelt haben, um den Tod zu verdrängen. Deshalb erklärt es uns ständig, was wir alles brauchen, um glücklich zu sein.
„Wer erklärt, der lügt“, sagt uns der islamische Mystiker Rabi’a al- Adawiyya im 8. Jahrhundert. Und weiter sagt er: „Wie könnte man die Form von etwas beschreiben, in dessen Gegenwart man ausgelöscht ist und in dessen Sein man dennoch existiert?“ (Geo Nr. 29)
Um
dies ein wenig zu vertiefen, möchte ich euch ein Beispiel geben:
“Bist du ein Original oder eine Kopie?“, frage ich oft den Schüler im
Dokusan-Raum. Und im gleichen Augenblick kommen die Erklärungen, ein Original
zu sein, aus diesem oder jenem Grund. Doch alle Antworten sind falsch. Nur die
Kopie hat Erklärungen nötig, das Original braucht dies alles nicht. Es weiß es
ja im tiefsten Grunde und muss sich nicht selbst bestätigen. Das Original weiß,
dass es einen Kopf hat und muss sich nicht ständig sagen: „Ich habe einen Kopf,
ich habe einen Kopf.“ Wir müssen nichts erklären, wir müssen uns nicht
rechtfertigen. Nur die Kopie muss das tun. Wie aber kann ich beweisen, ein
Original zu sein, ohne etwas zu sagen?
Mystiker sagen: „Das Geheimnis beschützt sich selbst“. Die Lösung ist nicht einfach, und doch kann es jedes Kind. Aber unser Ich steht uns dabei im Weg, das eine Trennung von mir und einer äußeren Welt annimmt. An diesem Punkt sind auch schon moderne Bewusstseinsphilosophen angekommen, wie z.B. ein Thomas Metzinger, der feststellt, dass „nicht nur die äußere Welt, sondern auch unser Selbstbild, das ‚Ich’, auf das wir alle so stolz sind, nur eine Repräsentation, eine Erfindung, wenn man so will, unseres Gehirn ist. Das Ich ist eine Illusion und zwar die beste, die die Natur je erfunden hat.“ (Zitat: Geo-Wissen Nr. 29)
Die Erleuchtungserfahrung, so könnte man sagen, ist ein Durchsichtigwerden dieses Selbstmodells, dieses Ichs. Dieses Durchsichtigwerden geschieht im zwanglosen Beobachten des Augenblicks. Dazu müssen wir alles loslassen, all unsere bisherigen Erfahrungen, all unser Wissen, alle Modelle, die wir uns zurechtgelegt haben, sogar die Religion. Wir müssen sterben um zu leben, sagt die Bibel. „Stirb auf deinem Kissen“, sagt Zen. „Der Glaube an eine höhere Macht“, so sieht es der Mystik-Forscher Andrew Newberg aus Pennsylvania, „habe unsere Vorfahren davor bewahrt, angesichts der eigenen Sterblichkeit in eine tiefe Depression zu versinken.“ (Geo Nr. 29)
Ich glaube, dass die Menschheit langsam aus ihren Kinderschuhen herausgewachsen ist. Immer mehr Bücher in unserer Zeit machen auf diesen Umstand aufmerksam. Kürzlich habe ich das Buch „Die Möwe Jonathan“ von Richard Bach gelesen, das den Zen-Weg anhand der Geschichte einer Möwe erzählt, die aus ihrem Schwarm ausgestoßen wurde, weil sie ein Einzelgänger war.
Auch wir sind alt genug, um unser Leben selbst in die Hand zu nehmen. Aber die meisten Menschen sind im Grunde wie kleine Kinder, die geliebt werden wollen und an die Hand genommen werden wollen. Wenn dies alles nicht geschieht, weil sie ständig enttäuscht werden, fangen sie an zu schreien, sind traurig und frustriert und suchen etwas Neues, jemanden, der sei bei der Hand nimmt und es für sie machen soll. Es ist ein ewiger Kreislauf, der sich ständig wiederholt. Suchen, finden, enttäuscht werden, neues Suchen, neues Finden…
Aber wir müssen nichts suchen und wir können auch nichts finden, denn das, was wir finden, kann ES nie sein. Es ist doch alles da. Die ganze Herrlichkeit der Welt liegt vor uns, die ganze Schönheit dieser Welt ist nur für uns gemacht. Jede Blume, jeder Sonnenaufgang kann nur sein, weil es mich gibt, weil ich bin, weil ich das bin, was da erscheint.
Es gibt eine alte rabbinische Geschichte, die darauf hinweist.
Ein junger Mann kommt zum Rabbi mit der Frage: „Was kann ich tun, um die Welt zu retten?“ Der weise Rabbi antwortet: „So viel, als du dazu beitragen kannst, dass morgen die Sonne aufgeht.“ „Aber was nützen dann all meine Gebete und guten Taten, mein ganzes Engagement?“ fragte der junge Mann. „Sie helfen dir, wach zu sein, wenn die Sonne aufgeht.“
Wir sollten es aufgeben, irgendetwas erreichen zu wollen. Es genügt, wach zu sein, um ganz da zu sein für dieses Leben, für diesen Augenblick. Wir müssen dieses Leben entdecken, unsere Lebendigkeit, unsere Dynamik. Ich kann es nicht erklären, wenn mich eine Biene sticht. „Au!“ Das ist das Leben, Ich kann es nicht erklären, wenn eine Hand die andere berührt. Ich kann es nur tun. Ich kann nicht erklären wie Tee schmeckt. Ich muss ihn trinken. Das ist Leben. Seid also ganz lebendig in eurer Übung. Fühlt euch, spürt euch, hört, was um euch herum geschieht, das ist es. Das ist Leben. Das bist du. Jede Erklärung ist nur eine Überdeckung dieser Wirklichkeit, etwas Daraufgesetztes, aber nicht die Wirklichkeit selbst. Wir müssen nur da sein, mehr nicht. Ganz wach für diesen Augenblick.
„Zahllos sind die Lebewesen, ich gelobe sie alle zu retten“, so heißt das erste der vier großen Gelübde. Viele haben ihre Schwierigkeit damit, dies zu sagen. Aber wir können die Welt nur retten, wenn wir uns selbst retten, bzw. retten lassen. Denn wir sind nie getrennt vom Ganzen. Was uns fehlt, ist die Erkenntnis, ist die Erfahrung.
Paul Cezanne, der berühmte Maler, hat dies einmal so formuliert: „Das letzte Ziel, die Erkenntnis, löscht die äußeren Verschiedenheiten und löst die innere Identität.“ Wir brauchen uns davor nicht zu fürchten, denn wir können immer wieder auf unsere Ich-Ebene zurückkehren, wenn wir dies für nötig halten.
Teisho: Die erfundene Wirklichkeit
Die wichtigste Voraussetzung für das Zuhören ist der Mut, offen zu sein für das, was gesagt wird. Dann riskiere ich in diesem Augenblick, verändert zu werden. Diese Offenheit erfordert Präsenz.
Das Herz-Sutra beginnt mit den Worten:
Sariputra,
Form ist nicht anderes als Leere,
Leere
ist nichts anderes als Form
Form
ist wirklich Leere
Leere
ist wirklich Form.
Das
Gleiche gilt für Empfindung, Wahrnehmung,
Wollen
und unterscheidendes Denken.
Sariputra,
die Formen aller Dinge sind leer,
sie
entstehen nicht und vergehen nicht.
Sie
sind nicht rein und nicht unrein,
nehmen
nicht zu und nicht ab.
Daher
ist in der Leere keine Form,
weder
Empfindung, Wahrnehmung,
Wollen
oder unterscheidendes Denken,
weder
Auge, Ohr, Nase, Zunge oder Körper,
weder
Farbe, Ton, Duft oder Geschmack,
weder
Berührbares noch Vorstellung,
weder
ein Bereich der Sinnesorgane
noch
ein Bereich des Denkens,
weder
Unwissenheit noch Ende von Unwissenheit.
Dass jeder Mensch sich seine eigene Welt schafft und von deren Richtigkeit überzeugt ist, führt die Menschheit in eine prekäre Situation. Unsere Geschichte ist Beispiel für den ungeheueren Preis, den wir dafür bezahlen. Ich glaube, wir können uns nicht mehr in den Konkon unserer Persönlichkeit zurückziehen und in der Gewissheit leben, dass wir alle die Welt gleich sehen. Der Versuch so zu leben, als gäbe es nur meine eigene Wirklichkeit, hat die Menschheit an den Rand des Abgrunds geführt. Es ist dies die Herrschaft des Individuums. Die Ego-Sichtweise ist: „Ich mag dich, weil du so bist wie ich“, die neue Sichtweise lautet: „Ich schätze und achte dich, weil du anders bist.“
Ich glaube, dass der Mensch weiser ist als sein Intellekt und dass sein ganzer Organismus eine Weisheit besitzt, die weit über das bewusste Denken hinausgeht.
Wir leben in einer individuum-zentrierten Kultur. In unserem tiefsten Wesen aber sind wir keine monadischen, egozentrischen und autonom handelnde Wesen, die durch ihre Identität von den anderen getrennt sind. Doch die Vorstellung hält sich in unserer Kultur hartnäckig, wir seien Einzelwesen und müssten beim Individuum ansetzen. Die Menschen müssen meiner Meinung nach nicht individualisiert, sondern humanisiert werden. Diese Humanisierung aber ist ein Prozess, der bestimmt ist von einer Ablösung, einem aus sich Herauswachsen und einem Unabhängigwerden.
1. Die fünf Skandhas:
Buddha sagt, dass es nicht einen oder mehrere Urstoffe gibt, aus denen der Mensch besteht. Buddha glaubt auch nicht an einen Anfang oder ein Ende des Universums. Er hat die Erfahrung gemacht, dass Substanzen, die eine längere Zeit überstehen, fälschlich als absolut angenommen werden. Die beobachteten Eigenschaften werden vom Menschen in künstlich geschaffene Begriffe gefasst. Das menschliche Denken aber ist zu beschränkt, um den unbegrenzten Lauf der Zeit zu überblicken. Das einzige, was beobachtet werden kann, sind die wechselnden Einflüsse, die unser Leben bestimmen. Sie werden Skandhas oder Daseins-Faktoren genannt. Es sind wechselnde Prozesse, die nicht beständig und daher vergänglich sind. Man könnte unser Ich mit einem Feuerwerk vergleichen, das aus vielen einzelnen Explosionen besteht. Jede einzelne Rakete explodiert, glüht kurz auf und verlischt wieder. Nur zusammen ergeben die Raketen ein Feuerwerk, aber in sich ist es vollkommen unbeständig. Auf den Menschen bezogen ergibt sich, dass wir zwar unser Sein erfahren, aber es ist nicht von Dauer. Nur durch die Vereinigung vieler Daseinsfaktoren entsteht das, was wir Persönlichkeit nennen. Da sind Töne, Farben, unsere Sinne, Alter, Gesundheit, Reichtum usw. Die Daseinsfaktoren für den menschlichen Körper werden in fünf Gruppen unterteilt, die sog. „Skandhas“, was wörtlich übersetzt „Gruppe“ oder „Anhäufung“ bedeutet.
Das erste Skandha bezieht sich auf das Körperliche, auf die Form. Dazu gehören die Körperwärme, der Atem, die Haut, Fleisch, Muskeln und Knochen, sowie die im menschlichen Organismus enthaltenen vier Elemente.
Das zweite Skandha bezieht sich auf unsere Empfindungen und Gefühle. Gemeint sind die passiven, also noch nicht verstandesmäßigen Reaktionen und Informationen unseres Körpers auf äußere Reize. Wir nehmen sie mit unseren Sinnesorganen wahr. Man könnte auch sagen: Bestimmte Gefühlszustände lösen Reaktionen in uns aus. Ich verbrenne mich und ziehe automatisch die Hand zurück.
Das dritte Skandha steht für Wahrnehmungen. Gemeint sind die reflexartigen Reaktionen auf Farben, Töne, Gerüche oder geistige Bilder. Sie sind sehr komplex und ständig aktiv. Wir empfinden beispielsweise etwas als schön oder abstoßend.
Das vierte Skandha sind unsere Triefkräfte, unsere Willens- und Geistesregungen, die unser Karma erzeugen. Der Mensch reagiert auf Sinneseindrücke und Wahrnehmungen und interpretiert sie. Er entwickelt Vorstellungen und Sehnsüchte. Von diesen Wünschen wird der Mensch gelenkt, sie bestimmen sein Handeln. „Ich mag das“ oder „ich mag das nicht“.
Das fünfte Skandha ist das Bewusstsein. Erst hier kann sich der Mensch selbst und seine Umgebung wahrnehmen. Das Bewusstsein wertet die Empfindungen und Wahrnehmungen aus. An diesem Punkt kann auch Selbstreflexion stattfinden. Dieses 5. Skandha ist sehr eng mit unserem Denken verbunden. Wir erinnern uns und greifen zurück auf gespeicherte Daten.
Alles zusammengenommen ist es also ein Prozess, der sich auf das Zustandekommen von Erscheinungsformen bezieht. Es sind gleichsam Ebenen der Verdichtung, so wie Wasser als Eis erscheinen kann oder Flüssigkeit als Dampf. Außerhalb der fünf Skandhas gibt es, personal betrachtet, weiter nichts mehr. Alles ist in ihnen enthalten und macht unsere ganze innere und äußere Wirklichkeit aus. Die fünf Skandhas sind also sehr komplexe Beziehungen und Bewegungen, Wechselwirkungen und fortlaufende Prozesse. Sie sind letztendlich das, was wir für unsere Persönlichkeit halten. Oder anders gesagt: Es ist die Welt, die der Macht des Todes unterliegt.
2. Wahrnehmung
Wir nehmen die Welt in uns und um uns auf die unterschiedlichste Art und Weise wahr. Wir interpretieren sie und ziehen unsere jeweiligen Schlüsse daraus. Beispielsweise: Jemand, der die Natur liebt, kann sich in der Großstadt über ein kleines Pflänzchen freuen. Ein gelehrter Biologe sieht darin vielleicht nur die entsprechende Spezies. Wieder einem anderen ist die Pflanze völlig gleichgültig, er wird sie vielleicht nicht einmal bemerken.
Wir sehen die Welt durch einen Filter, d. h. unser Gehirn filtert die Sinneseindrücke aus unserer Umgebung heraus. Wenn man sich überlegt, wie viele Sinneseindrücke tagtäglich auf uns einströmen, sind es trotzdem nur relativ wenige, an die wir uns am Abend erinnern. Unser Gehirn sortiert also schon beim Wahrnehmen alles aus, was für uns subjektiv interessant oder uninteressant ist. Wer z. B. keinen Führerschein hat, nimmt die Autos nur am Rande wahr, während eine schwangere Frau unheimlich viele Kinderwagen herumfahren sieht. Vor der Schwangerschaft hat sie dagegen dem Kinderwagen wenig oder gar keine Aufmerksamkeit geschenkt. Unser Filter bestimmt also, was für uns Realität ist. Solche Filter sind z. B. unsere jeweiligen Interessen, unsere Vorlieben und Erwartungen. Nur bei wirklich sehr grundlegenden Dingen können wir davon ausgehen, ähnliche Wahrnehmungen zu haben wie andere Menschen. Wenn beispielsweise ein Auto auf den Fußgängerweg zugerast kommt, werden wir alle das als Gefahr wahrnehmen und wegspringen. Ihre und meine Realitäten sind also anders, aber keine ist real. Wir können also davon ausgehen, dass unsere unterschiedlichen Sichtweisen als unterschiedliche Realitäten erlebt werden. Dabei gibt es kein Richtig oder Falsch. Es ist eben meine Sicht und die Sicht eines anderen Menschen. Sinneswahrnehmungen sind also nichts anderes als Abbildungen einer Außenrealität, die in uns gedeutet wird.
Wahrnehmung, so könnte man sagen, ist die Auswertung unserer Sinnesdaten auf unserem inneren Monitor. Wahrnehmung beruht auf einer Wechselwirkung von Wirklichkeitshypothesen und Sinnesdaten, die von der Außenwelt in unser Inneres transportiert werden. Dieser innere Monitor aber hat keine räumliche Begrenzung.
Aus der Vermischung der Sinne entsteht unsere subjektive Wahrnehmung. Und so lebt jeder Mensch in seiner privaten Wahrnehmungswelt. Sie kennen das doch: „Mensch, ist das bei dir nicht auch so?“ „Nein, so etwas ist mir noch nicht untergekommen“. Und man fühlt sich vom anderen einfach nicht verstanden.
Was wir normalerweise wahrnehmen ist also nichts weiter als eine Interpretation der Wirklichkeit, eine Bedeutungszuweisung unseres Gehirns, die Erschaffung einer verstandesmäßigen Welt.
Informationen aus der Umwelt werden in Sprache abgebildet. Aus der Perspektive des Beobachters entsteht so eine Art kommunikative Interaktion. Dieses Phänomen der Kommunikation hängt aber nicht von dem ab, was übermittelt wird, sondern von dem, was im Empfänger gefühlsmäßig oder verstandesmäßig dabei entsteht. Man könnte es als eine Art Beschreibung aus zweiter Hand bezeichnen, eine Art Sekond-Hand-Wirklichkeit. Man könnte auch sagen: ich höre nicht, was ich wahrnehme, sondern das, was ich in mir konstruiere.
Erinnerungen und Wahrnehmungen sind also nur Konstruktionen. Wir erkennen die Welt nicht, wir erzeugen sie in jedem Augenblick, und zwar dadurch, dass wir unsere Wahrnehmungen, Empfindungen und Überlegungen in unser geistiges System einordnen. James Bower, ein Neurobiologe am California Institut in Pasadena stellt fest, dass ein und derselbe Reiz, z. B. ein bestimmter Duft, zu unterschiedlichen Zeiten ganz unterschiedliche Reaktionen hervorruft. Damit also in uns eine gewisse Stabilität der Wahrnehmung erhalten bleibt, muss unser Gehirn alle ankommenden Reize sehr selektiv behandeln und schnell in ein System einordnen. Dadurch wird Wirklichkeit zu etwas, das wir in uns selber erschaffen. Diese Erkenntnis mag einigen Menschen unangenehm sein, auf der anderen Seite besteht die Hoffnung für ein friedvolles Miteinander auf dieser Welt. Wir sitzen nie für uns alleine, wir sitzen für alle Lebewesen.
3. Unser Ich
Unser Ich, könnte man sagen, ist ein Modell der Wirklichkeit. In oft widersprüchlichen Sinneseindrücken wird in uns ein einheitliches Wirklichkeitsbild erzeugt. Beispielsweise sehe ich ein Kind mit einem roten Schal. Ich muss mir nicht vergegenwärtigen: Da ist jemand, ein Kind, und da ist ein Schal, der außerdem noch rot ist. Man sieht es als Einheit. Der Wahrnehmungsakt von Außen und die Sinneswahrnehmungen im Innen sind also untrennbar miteinander verbunden, eine sogenannte Sinnesverschmelzung. Wissenschaftler sprechen von einer intermodalen Integration. Fällt das Benennen der Außenwelt aber weg, kann ich die Wirklichkeit wahrnehmen wie sie ist, in dem ein Augenblick den anderen jagt. Benenne ich dies aber, ist es nur ein Teil der Wirklichkeit, denn unser Denken ist nicht schneller als unsere Sprache. Und außerdem ist es oftmals sehr schwer, immer die richtigen Worte zu finden. Durch das ständige Benennen kann ich also mit der Wirklichkeit nicht mehr mithalten. Befinde ich mich aber in dieser nicht benannten Wirklichkeit, befinde ich mich in einer unendlichen und grenzenlosen Weite. Dabei fühle ich mich leicht, locker und frei. Ich lasse mich völlig darauf ein. Es ist eine Wahrnehmung, die ich erleide. Werden Gefühle vergegenwärtigt, ohne sie zu modifizieren, ohne sie abzulehnen, abzuwandeln oder zu verstärken, intensiviere ich ihren Kontakt mit ihnen nicht noch mehr. Die Auswirkungen sind gerade zu erstaunlich: Es zeigt sich eine besondere innere Festigkeit, Angstfreiheit und eine geradezu imposante Verankerung der Persönlichkeit, die verbunden ist mit einer höchst intensiven Fähigkeit zur Intuition. Anders ausgedrückt: Unser Seins-Verhältnis wird unser Innen-Verhältnis.
Aus der Erfahrung des Zen ist das Ich eine Illusion. Dabei verneint Zen das Ich nicht, es „existiert“ durchaus, aber es ist vergänglich und hat somit keine letzte Existenz. Unser Ich ist immer ein augenblickliches, ein individuelles Ich. Es ist heute anders als gestern. Es ist nur ein kurzer Moment unseres Bewusstheitsstroms. Aber es suggeriert uns Dauer, Konstanz und Substanz. Dieses Ich tritt in Erscheinung mittels des Gedächtnisses. Der Ausdruck „sich treu bleiben“ entsteht aus der Ansicht, dass unser Ich als etwas Stabiles betrachtet wird. Wir begrenzen uns auf unser Denken, Fühlen und Handeln.
Es geht darum, situationsgerecht zu handeln, nicht ich-gerecht. Wenn eine Person die Ich-Vorstellung aufgeben könnte, würde Freiheit entstehen und damit neue Handlungsmöglichkeiten, die vorher nicht möglich waren und auch nicht möglich sein konnten, eben weil ich in der Vorstellung lebte, so oder so sein zu müssen. Die Angst vor Verlust ist es, die viele Menschen abhält, einen Weg nach innen konsequent zu gehen.
Aus der Sicht des Zen ist das Leben als Individuum ein Traum, ein glücklicher oder unheilvoller Traum, ein leidvoller oder wunderbarer Traum, den wir selbst erschaffen, indem wir ihn träumen. Aber es steht uns frei, aus diesem Traum zu erwachen. Das, wofür wir keinen Namen haben, ist unabhängig von dem, was wir glauben zu sein. Das, was wir glauben, ist eine Schöpfung, eine Kreation, einzelne Töne, die unser Gehirn zusammensetzt und daraus eine Melodie schafft. Aber es ist nur eine Melodie der ganzen Symphonie.
Wir sollten erkennen, dass wir mehr sind als unsere Überzeugungen, mit denen wir Menschen uns bekriegen. Wir sollten erkennen, dass wir mehr sind als unsere Identifikationen, auf die wir uns ständig einlassen und die uns trennen vom anderen. Die wirklich grundlegende Illusion ist die Trennung. Aus ihr gehen alle anderen Illusionen hervor. Das, was wir wirklich sind, hat Flügel und das Land, das wir erforschen, ist unbegrenzt. Wir sind schon da. Wir sind der Ursprung.
4. Wirklichkeit
Wir bezeichnen unser Wahrnehmungsfeld als Wirklichkeit. Ich reagiere also nicht auf eine absolute Wirklichkeit, sondern nur auf meine Wahrnehmung der Wirklichkeit.
Wirklichkeit ist keine Abbildung in uns von irgendetwas da „draußen“. In den Dingen sind keine Eigenschaften enthalten, die von uns gefunden werden könnten. Wirklichkeit ist weitgehend erfunden und konstruiert, d.h. wir konstruieren sie in einem Akt des Erkennens und Handelns. Über die wirkliche Beschaffenheit der Welt können wir keine Aussage machen. Was wir also als Umwelt bezeichnen ist nichts andres, als eine strukturelle Verkoppelung. Diese Struktur ermöglicht uns aber immer nur einen Ausschnitt des Lebens zu erfahren oder zu beschreiben. Aus diesem Grund stört mich beispielsweise die Umwelt, sie irritiert mich oder regt mich auf. So sehr ich auch bemüht bin, den anderen zu beeinflussen, muss ich mir im Klaren sein, dass das Gesagte im anderen nicht das gleiche ist, was ich meine. Eine Frau beschrieb dies einmal so: „Ich war wie elektrisiert von dem Gedanken, dass ich die Realität da „draußen“ als Produkt meiner Sinne und meines Nervensystems betrachten kann, mehr noch: Dass auch ich von anderen Menschen mit deren Sinnen als deren jeweilige Realität wahrgenommen werde.“
Meine Wirklichkeit ist also nicht notwendigerweise auch die Wirklichkeit meines Gegenüber. Man könnte es vielleicht so ausdrücken: Wir befinden uns in den fremden Welten der Menschen.
Ich glaube, die Zeit ist reif für ein neues Verständnis von Wirklichkeit. Ein Meilenstein dazu ist der Abschied von der Sichtweise unseres Gehirns. Bisher galt das Gehirn als Überlebensorgan und als Anpassungsorgan, das uns befähigt, dass wir uns der Umwelt anpassen. Abraham Maslow, einer der berühmten Psychologen des letzten Jahrhunderts stellt an die Spitze der Bedürfnispyramide die Selbstverwirklichung. Die Spitze der Kreativität ist, so sagt er, sein Selbst zu finden, und es zu verwirklichen. Er sagt: “Aber vielleicht haben deswegen so wenige Menschen bisher ihr Selbst gefunden, weil es ein Selbst gar nicht gibt? Ist es vielleicht so, dass am Ende unserer Suche ein „Nichts“ auftaucht, eine Leere, die sich jeder Beschreibung entzieht? Und könnte es vielleicht sein, dass genau diese Leere die unfassbare Fülle ist, aus der jede Kreativität schöpft?“
Wirklichkeit kann ich nicht machen, Wirklichkeit widerfährt uns. Nur eine gemachte, nur eine künstliche Wirklichkeit kann beginnen oder enden.
Von der Wirklichkeit nimmt der gesunde Menschenverstand an, dass sie gefunden werden kann. Eine gefundene Wirklichkeit aber ist nichts anderes als eine erfundene Wirklichkeit und kann nicht die wahre Wirklichkeit sein. Wir erfinden die Wirklichkeit ständig, ohne uns dessen bewusst zu sein.
Im Zen geht es darum, sorgfältig zu beobachten, wie ich selber meine eigentliche Wirklichkeit hervorbringe. Carl Rogers hat gesagt: „Mir scheint, dass wir in Zukunft unser Leben und unser Erziehung auf der Annahme gründen müssen, dass es ebenso viele Wirklichkeiten gibt wie Menschen.“
Wirklichkeit besteht auch nicht aus den Gegenständen, die uns umgeben, die wir sehen, fühlen oder festhalten können. Wirklichkeit ist weder die feste Erde unter unseren Füßen, noch sind es die glitzernden Sterne über uns. Wirklichkeit liegt auch nicht in der Kenntnis der Menschen um mich herum. Wirklichkeit findet sich nicht in Sitten oder Ritualen einer Kultur. Wirklichkeit ist nicht unsere persönliche Welt. Wirklichkeit kann nur geheimnisvoll und unergründlich sein.
Die einzige Wirklichkeit, die ich kennen kann, ist eine Welt und ein Universum, so wie ich es wahrnehme und in diesem Augenblick erlebe.
Die Vielfalt der möglichen Realitäten stellt für uns eine große Herausforderung dar, die Herausforderung, eine gemeinsame Wirklichkeit zu schaffen, eine Wirklichkeit, die nicht partiell oder beschränkt auf das Individuum ist. Dazu ist es wichtig, mit unserer Ganzheit in Beziehung zu sein, nichts auszuschließen, weder Gedanken noch Gefühle, weder Körper noch Geist. Dies ermöglicht uns eine neue Fühl- und Empfindungsebene, neue Denk- und Verhaltensweisen.
Unsere Welt ist eine sensorisch erfasste Welt, die wir durch sprachliche Symbole strukturieren.
Das Denken ist der Versuch, die sinnlich erfahrene Welt durch sprachliche Symbole zu strukturieren. Das Denken vom Gesamtorganismus trennen zu wollen ist genauso ein Kurzschluss, wie wenn ich die Wirklichkeit meines Gegenüber erfassen wollte. Ich glaube, es ist auch notwendig, die verstandesmäßigen Konstruktionen der Wirklichkeit zu durchschauen. Wir sollten lernen, dem Denken bei der Arbeit zuzuschauen. Das gleiche gilt für den Bereich des Handelns und Verhaltens. Bei unserem Sitzen geht es darum, in unserem Privatsystem wiederkehrende und erlernte Automatismen wahrzunehmen, denn letztendlich sind diese Muster und Gewohnheiten, dieses Gebundensein an Strukturen, lebensverhindernd.
Wir sollten trotzdem Respekt haben vor den individuellen Welten und Wirklichkeiten der Menschen.
Man könnte unser Gehirn mit dem World-Wide-Web-Standard vergleichen. Die Welt ist vernetzt. Ein wesentlicher Bestandteil des Netzes ist: es hat keine zentrale Steuerung. Das Zentrum ist da, wo die Aktion ist. Auch unser Gehirn hat kein Zentrum. Um Prof. Daniel Dennet zu zitieren: „Mit dem Gehirn verhält es sich so: „Schaut man hinein, stellt man fest, dass niemand zu Hause ist. Vielleicht ist diese Thematik für unseren Verstand deshalb so schwer zu begreifen, weil wir die Aussicht, das alles Erfindung und am Ende nichts ist, nicht akzeptieren können. Dazu kommt, dass dieses Nichts auch noch die Quelle von allem sein soll.“
Einige Jahrtausende lang wurden wir darauf getrimmt, etwas zu finden und zu entdecken. Einstein erhielt dafür den Nobelpreis. Aber Einstein irrte sich. Wir wissen heute, dass Zeit ein Beschreibungsmodell unseres Verstandes ist und zwischen den Ohren entsteht. „Zeit, die große Illusion“ kann man in der Spiegel-Ausgabe 1/98 nachlesen. Aber es gibt etwas, das ist hier, dort, überall, es ist jetzt, damals und immerfort.
Unser Gehirn hat sich also von einem Anpassungsorgan zu einem Erfindungsorgan gemausert und wir erkennen: Wirklichkeit ist Erfindung. Wir haben uns verstandesmäßig und wissenschaftlich dem genähert, was Mystiker aller Zeiten immer sagten: Der Urgrund ist das reine Nichts. Jede Kreativität entsteht aus dem Nichts. Schon in den Upanishaden lesen wir: „Wissen ist im Bewusstsein enthalten“.
Der gesunde Menschenverstand ist das eigentliche Hindernis, um diese wirkliche Welt zu verstehen. Biologisch gesehen haben wir einen gewaltigen Schritt getan, jetzt geht es darum, der Leere ins Auge zu blicken. Um die Grenzen meines Bewusstseins zu sprengen, muss ich in den Zustand reinen Gewahrseins gelangen. Dieses Gewahrsein ist ohne Identität, es ist unbegrenzt und stets präsent. Dieses Gewahrsein ist weder Bewusstsein, noch Energie oder Licht, denn es ist der Ursprung von Allem. Es nimmt wahr, indem es zum Wahrgenommenen wird. Man könnte sagen: Diese Welt ist so groß wie die Fähigkeit, sie wahrzunehmen. Das, was ich bisher immer vermeiden wollte, die fünf Skandhas, sind der Weg dahin.
Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)
Teishō ist der tägliche Vortrag des Zenlehrers im Dōjō oder beim Sesshin. In den Teishōs befasst sich der Lehrer mit den Inhalten des Zen. Von einem bloßen Vortrag unterscheidet sich das Teishō durch das "Zeigen des Dharma" - der unverstellten Wirklichkeit, wie sie ist. Äußerer Anhaltspunkt des Teishos sind meist Texte aus den Überlieferungen der Tradition. Auch Koans werden besprochen. Der Lehrer kann und wird den Schülern das Koan bzw. das Dharma jedoch nicht als innere Einsicht vermitteln. Er betont bestimmte Aspekte, erklärt historische Hintergründe oder sprachliche Besonderheiten. Ein fortgeschrittener Schüler wird inhaltlich mehr und wahrscheinlich auch anderes aus einem Teisho heraushören, als ein unerfahrener Zuhörer. Der Vortrag wird frei und spontan gehalten. Er ist oft kraftvoll oder lustig, dramatisch und anfeuernd. Er soll sowohl intellektuell als auch spirituell die Erkenntnis der Schüler vertiefen. (Wikipedia)