7. JA und NEIN
Es war einmal vor vielen, vielen Zeitaltern, da kamen zwei seltsame Wesen in die eisige Welt. Sie hatten weder Form noch Gestalt, daher waren sie nicht zu sehen. Ja, man hätte eine Wolke leichter fangen können als diese beiden. Es gab einige wenige, die vor diesem eigentümlichen Paar warnten, doch die meisten Menschen hörten ihnen nicht zu. Sie glaubten, die zwei beherrschen zu können, und wurden doch von ihnen beherrscht.
Das seltsame Paar hieß JA und NEIN. NEIN war groß und feist, war immer gegen alles und konnte nichts so nehmen, wie es war. Oft war er aggressiv und schrie seinen Namen laut hinaus. JA dagegen war ganz anders. Es war zustimmend, nickte häufig und lenkte manchmal sogar ein, wenn zwei Meinungen aufeinander prallten. Aber er verführte auch manche Menschen dazu, ja zu sagen, selbst wenn es nicht richtig war. Oder er stellte ihnen eine Falle, indem er ihnen einredete, sie müssten alles nur positiv sehen, dann wäre es gut so. Auch JA konnte oft sehr hinterlistig sein.
JA und NEIN waren unzertrennlich. Wo NEIN lebte, da musste auch JA leben, und umgekehrt. Das war den beiden oft sehr unangenehm. Sie konnten in ihrer Gegensätzlichkeit nur gemeinsam leben oder gemeinsam untergehen. Und wer will schon sterben?
Eines Tages beschlossen sie, sich auf die Suche nach jemandem zu machen, der zu ihnen passen würde. Bald hatten sie zwei gefunden, die sie liebten und mit denen sie sich gut verstanden. Der Grund lag darin, dass diese beiden immer ihrer Meinung waren. Sie ergänzten sich wunderbar. JA heiratete RICHTIG und NEIN heiratete FALSCH. So lebten sie fortan recht zufrieden. Einzig die Erfüllung des Wunsches, Kinder zu bekommen, fehlte noch zu ihrem Glück.
An einem schönen, aber sehr kalten Tag - es war in der Eiszeit - streiften die vier durch die Welt auf der Suche nach Ablenkung. Als sie von der eisigen Welt genug gesehen hatten, beschlossen sie, sich im Kopf eines Menschen niederzulassen.
Da war es schön warm und gemütlich. Plötzlich geschah etwas Wunderbares und Unfassbares: JA und RICHTIG, NEIN und FALSCH bekamen Kinder!
Zunächst waren sie winzig klein und sehr schüchtern, deshalb hießen sie ICH WEISS NICHT. Die ICH-WEISS-NICHT-Kinder mussten viel lernen, bevor auch aus ihnen erwachsene JA und NEIN, RICHTIG und FALSCH werden konnten. Manch einer von ihnen war lange in der Schule, weil er nicht gelernt hatte, ja oder nein zu sagen. Diese Kleinen wurden oft von den anderen verspottet. „Du kannst dich gar nicht entscheiden", sagten sie. „Du wirst nie erwachsen so wie wir!"
Ihre Eltern brauchten gar nichts zu tun, sie mussten sich nur im Kopf eines Menschen aufhalten. Dieser Kopf sorgte ganz von selbst dafür, dass sie sich vermehrten und viele Kinder bekamen. Ihre Kinder waren ganz wie sie. Und weil die Menschen oft gegensätzlicher Meinung waren, besetzten die neuen JA und RICHTIG, NEIN und FALSCH nach und nach die Köpfe aller Menschen. Sie gelangten ganz einfach durch deren Ohren hinein und setzten sich dort fest. Und weil die Menschen so viel dachten und redeten, entstanden ständig weitere Kinder.
Das größte Vergnügen von JA und NEIN bestand darin, sich durch sämtliche Gehirnwindungen der Menschen zu fressen. Weil aber die NEIN so fett waren, mussten sie sich dabei oft sehr anstrengen. Die Menschen klagten dann über heftige Kopfschmerzen und gingen zum Arzt oder schluckten Tabletten. Andere konnten nächtelang nicht schlafen, weil JA und NEIN keine Ruhe gaben. JA und NEIN aber lachten nur darüber, denn so lange sie Ideen und Gedanken in den Köpfen fanden, ging es ihnen bestens. Und an Gedanken herrschte wahrlich kein Mangel.
So entstanden auf dieser Welt, die sich allmählich erwärmte, mehr und mehr dieser unsichtbaren Wesen. Die Menschen bemerkten nicht, dass sie von ihnen beherrscht wurden, ja, sie waren sogar stolz darauf, weil sie jetzt endlich denken konnten, und manch einer beleidigte den anderen mit dem Ausspruch: „Du kannst nicht einmal richtig logisch denken!"
Bald gab es Menschen, die nur noch Macht und Reichtum im Sinn hatten, und die Welt um sie herum sollte allein ihren Zielen zu dienen. JA und NEIN, RICHTIG und FALSCH ging es dabei ausgesprochen gut in den Köpfen und sie verursachten viel Unheil. Sie fühlten sich als die wahren Herrscher der Welt. Und das waren sie tatsächlich.
Der Einfluss von JA und NEIN auf die Menschen war jetzt so groß, dass mancher, der „Nein" zu jemand anderem sagte, deswegen getötet wurde. Es kam dadurch sogar zu Kriegen, weil besonders mächtige Menschen oder Völker ihre Meinungen mit Gewalt durchsetzen wollten.
Doch eines Tages geschah im Leben der JA und NEIN etwas sehr Seltsames. Sie besetzten zufällig den kahl rasierten Kopf eines Mannes mittleren Alters. Der war in gelbe Gewänder gehüllt und saß unter einem Baum. Sein Name war Ahddub. Als sie versuchten, sich durch seine Gehirnwindungen zu fressen, blieben sie ständig stecken und kamen nicht weiter. Das war etwas völlig Neues für sie. Ahddub wollte sie offenbar nicht haben.
„Hier ist jemand, der uns nicht will!", schrien sie wütend.
„Richtig, richtig!", riefen alle RICHTIG.
Zum ersten Mal waren sich alle einig und sie beschlossen, Ahddub den Kampf anzusagen. Ein NEIN war der erste, der das Spiel durchschaute.
„Seid alle ruhig und hört mir zu", sagte er mit leiser und listiger Stimme. „Er will uns nicht. Das ist die große Chance für alle NEIN.
Alle NEIN grölten vor Begeisterung und fraßen sich in Windeseile durch sämtliche Gehirngänge von Ahddub. Dort vermehrten sie sich in kürzester Zeit.
Ahddub jedoch erkannte sehr schnell, was geschehen war, und lenkte seine Aufmerksamkeit ganz auf sein Ein- und Ausatmen. Im gleichen Augenblick wurde es wieder still in seinem Geist.
Die NEIN aber fanden im selben Moment nichts mehr zu fressen. Es blieb ihnen keine andere Wahl, als sich enttäuscht aus seinem Kopf zurückzuziehen.
Ahddub dachte einen winzigen Augenblick nach, um zu überlegen, was geschehen war.
„Es war richtig, was ich gemacht habe", dachte er. „Jetzt habe ich wieder Ruhe."
Doch ehe er den Gedanken zu Ende gebracht hatte, stürzten sich alle RICHTIG in seinen Kopf, in der sicheren Gewissheit, sich seiner Gedanken bemächtigen zu können. Doch auch sie bekamen keinen Bissen mehr hinunter, sie waren regelrecht blockiert. Nicht, dass er nichts mehr gedacht hätte, doch seine Gedanken waren völlig unverdaulich.
Was ist geschehen?", fragten sie, doch niemand wusste eine Antwort.
Dann lauschten sie aufmerksam, was im Kopf dieses seltsamen Menschen vor sich ging. Ahddub konzentrierte sich jetzt nur auf ein einziges Wort! Doch dieses Wort hieß nicht „ja" oder „nein", „richtig" oder „falsch". Es ergab überhaupt keinen Sinn! Es war ein vollkommen sinnloses Wort, und niemand unter ihnen hatte es jemals gehört. Es war das Wort „Mu".
„Ist das ein Zauberwort?", fragten sie sich.
Rasch beriefen sie eine Versammlung ein und überlegten, was zu tun wäre.
„Wir müssen ihn besetzen", rief einer.
„Vielleicht können wir ihn verwirren", meinte ein anderer.
„Es muss doch einen Weg geben!"
Aber niemand wusste eine Lösung.
„Wir sollten abwarten, bis wir eine Lücke finden", sprach ein RICHTIG, das schon viel Erfahrung mit den Menschen hatte. „Irgendwann wird er schon nachlassen."
Diese Idee fanden alle ganz ausgezeichnet, und so setzten sie sich nieder und warteten. Viele Stunden vergingen und mit der Zeit wurden sie sehr müde. Manch einer von ihnen begann, leise zu schnarchen. Jaaaarrrch, neinrrrrch, rrrrichchchtig, faaalschrrrch tönte es leise. Plötzlich hob ein JA den Kopf. War das möglich? Alle Gehirnwindungen waren wieder frei!
„Jaaaaa!", schrie es aus Leibeskräften.
Im Nu waren alle wach.
„Was ist geschehen?"
„Es ist wieder Platz für uns!", schrie JA. „Auf zum Angriff!"
Sogleich stürzten sich alle in den Kopf von Ahddub. Aber statt des gewohnten Bildes von wimmelnden Gedanken herrschte weite Leere. Selbst die dicken NEIN hatten keine Mühe mehr, voranzukommen, doch ihre gefräßigen Mäuler schnappten ins Leere.
„W-w-wir finden ja gar keine Nahrung mehr!", stammelte ein JA, und seine Stimme zitterte vor Angst.
„Wir können zwar hier bleiben, aber wir werden verhungern!", rief ein NEIN voller Entsetzen.
„Wir müssen weg hier!", schrie ein RICHTIG aufgeregt.
„Wir werden uns ein anderes Opfer suchen müssen", sprach ein FALSCH mit gedämpfter Stimme.
Nur die ICH-WEISS-NICHT-Kinder waren ganz still.
„Was ist los mit euch?", fragte ein RICHTIG.
„Uns geht es gut", sagte ein ICH WEISS NICHT. „Wir haben genug zu fressen."
Langsam erhob sich Ahddub unter dem Baum. Es war bereits Morgen geworden. Er ging auf Wanderschaft und begann den Menschen zu predigen.
Seit dieser Zeit fanden alle JA und NEIN immer weniger Nahrung in den Köpfen der Menschen. Ob sie wohl eines Tages verhungern werden?