Kapitel XIII - Shikantaza
F: Ich würde heute gerne einmal auf die Wahrnehmung im Zusammenhang mit Shikantaza zu sprechen kommen.
W: Sehr gerne.
F: Wie unterscheidet sich Ihrer Meinung nach die Wahrnehmung des Alltagsmenschen von der Wahrnehmung eines Menschen, der schon jahrelang meditiert?
W: Grob gesagt läuft Wahrnehmen in drei Stufen ab. Die erste Stufe ist ein unbewusstes Wahrnehmen, führt dann weiter zu einem bewussten Wahrnehmen und endet in einem wieder in einem unbewussten Wahrnehmen, das sich von der ersten Stufe aber grundlegend unterscheidet. Ein Zen-Meister hat es einmal so ausgedrückt: Am Anfang sind die Berge Berge und die Flüsse Flüsse. Dann sind die Berge nicht mehr Berge und die Flüsse nicht mehr Flüsse. Am Ende aber sind die Berge wieder Berge und die Flüsse wieder Flüsse. Wir können keine dieser drei Stufen überspringen.
F: Das verstehe ich nicht.
W: Ich habe diese drei Stufen in neun Teile unterteilt. Auf der ersten Stufe steht der Alltagsmensch, der den ganzen Tag über denkt, sich aber dieses ständigen Denkvorgangs nicht bewusst ist. Er merkt es deshalb nicht, weil er sich vollständig identifiziert mit diesem Denken. Es ist vielleicht vergleichbar mit einem Kinofilm, in dem ein Mensch die Hauptrolle spielt, sich dessen aber nicht bewusst ist. Er weiß nicht, dass es nur ein Film ist.
F: „Du kannst nicht einmal richtig logisch denken" ist eine der größten Beleidigungen, die ein Mensch dem anderen an den Kopf werfen kann.
W: Das heißt: Du bist es nicht wert, dass ich mich mit dir unterhalte, du bist mir zu dumm. In dieser Anfangsphase drehen wir die Argumente hin und her, betrachten sie von allen Seiten, nur um am Ende möglichst gut dazustehen. Wir diskutieren in diesem Stadium sehr gerne und freuen uns, wenn wir aus diesen Rededuellen siegreich hervorgehen. Durch irgendwelche Umstände jedoch lernt dieser Mensch die Meditation kennen. Der „Neuling auf dem Weg" ist die zweite Stufe. Er wird sich beim Sitzen dieses ständigen Denkens bewusst und versucht, es zu unterdrücken und loszuwerden.
F: Daran kann ich mich gut erinnern. Es dauert eine ganze Zeit, bis man merkt, dass das nicht funktioniert.
W: Ja, es passiert genau das Gegenteil: Man wird von Gedanken geradezu überfallen. Aber wir müssen es wirklich erfahren! Selbst wenn es einem gesagt wird, hilft es nichts. Ich erinnere mich gut an Worte wie: „Betrachte deine Gedanken wie die Wolken am Himmel und lass sie einfach vorüberziehen". Das klingt wirklich gut, aber es hilft einem auf dieser zweiten Stufe nur wenig. Immerhin aber kennt man die Richtung.
F: Dazu kommen Sätze aus verschiedenen Sutras, wo es beispielsweise heißt: „Schneide Worte und Gedanken ab und ES durchdringt alles".
W: Also meinen wir, Gedanken dürfen nicht sein. Ich muss sie abschneiden. Wenn ich aber mitten in einem Gedanken bin, ist dies gar nicht möglich, denn ich bin ja vollkommen identifiziert damit. Es ist vergleichbar mit einem Traum, den ich gerade träume. Während des Traumes bin ich mir des Traumes nicht bewusst. Ich kann den Traum nicht willentlich beenden.
F: Und wie komme ich aus diesem Dilemma heraus?
W: Indem wir einen Lehrer finden. Die dritte Stufe wird eingeleitet durch die Anweisung, sich auf den Atem zu konzentrieren.
F: Aber dieses Üben mit dem Atem hat auch seine Tücken. Auf der einen Seite wird einem ständig gesagt, das Ego zurückzunehmen, auf der anderen Seite bemerke ich: Je mehr ich mich auf meinen Atem konzentriere, desto klarer wird mir, dass ich eigentlich ständig meinen Atem manipuliere. Ich verlängere ihn oder ich verkürze ihn.
W: Das geschieht besonders beim Endpunkt oder Anfangspunkt des Atems. Es wird uns bewusst, dass wir den Atem nicht einfach so lassen können wie er ist. Die Anweisung, dem Atem zuzuschauen, klingt gut und ist vollkommen richtig, aber es auch sehr schwer. Dazu kommt, dass wir immer noch nicht frei von Gedanken sind. Sie ziehen uns ständig von der Atembeobachtung weg und wir sind oft verzweifelt, weil es uns einfach nicht gelingt, auch nur für kurze Zeit beim Atem zu bleiben. Das Lowerden-Wollen von Gedanken ist immer noch da und es wird uns immer bewusster, dass uns die Gedanken und die damit verbundenen Gefühle hierhin und dorthin zerren. Wir empfinden uns als Sklaven unseres Denkens und das ist gut so. Auch diese dritte Stufe können wir nicht überspringen.
F: Was ist die vierte Stufe?
W: Auf der vierten Stufe ersetze ich für meine Schüler das Wort „Denken" mit dem Wort „Kommentator". Damit tun sich viele leichter. Sie erkennen den Kommentator leichter, wenn ihnen bewusst wird, dass dieser Kommentator eine innere Stimme in mir ist, dass ich aber ein inneres Gehör habe, diesen Kommentator zu erkennen. Wenn wir beispielsweise einen x-beliebigen Satz in uns einige Male wiederholen, können wir erkennen, wo dieser Kommentator sitzt und wie er sich anfühlt, wenn er auftaucht.
F: Aber es gibt doch auch Pausen, in denen der Kommentator schweigt.
W: Diese Pausen sind sehr wertvoll. Hier kann ich einfach wahrnehmen, was ist. Diese vierte Stufe ist also gekennzeichnet durch eine ständige Wiederholung von Kommentator und Ruhephasen. Von hier aus kann ich in die fünfte Stufe eintreten, die Wortlosigkeit.
F: Was meinen Sie damit?
W: Diese fünfte Stufe ist nichts mehr Gemachtes, sondern etwas Natürliches. D.h. der Kommentator wird schneller erkannt und die Pausen werden länger. Dadurch ist ein längeres Verweilen im Augenblick möglich. Ich nehme einfach das Gefühl in den Beinen wahr, die Stimmen der Vögel oder die Bewegung der Bauchdecke, aber es ist niemand mehr da, der diese Dinge in mir benennt, z.B. „Bauch, Beine Vögel." Die Pausen sind also wortlos. Dadurch wird unser Sitzen leichter.
F: Trotzdem taucht aber der Kommentator immer wieder auf.
W: Das ist richtig und das ist auch wichtig. Eine künstlich geschaffene Ruhe in mir wäre das größte Gift. Es wird als „totes Zen" bezeichnet. Die sechste Stufe bezieht sich auf den Unterschied von Wahrnehmen und Erkennen.
F: Ist das nicht dasselbe?
W: Das könnte man meinen. Der Unterschied zwischen Erkennen und Wahrnehmen kann nur ein äußerst geschärftes Bewusstsein. Als Erkennen betrachte ich den Anfang des Augenblicks, als Wahrnehmen das Verweilen im Augenblick. Wenn ich sehr aufmerksam sitze, wenn ich mir sozusagen keinen Augenblick entgehen lasse, werde ich sehr schnell die einzelnen Augenblicke erkennen, ohne sie zu benennen. Dieses Nicht-Benennen ist sehr wichtig. Wenn ich mein Bewusstsein freilasse und es sich hinwenden lasse, wo es sich hinwenden will, werde ich feststellen, dass das etwas sehr Befreiendes an sich hat. Ich kann an diesem Punkt bemerken, dass mein Bewusstsein mehr oder weniger lang in diesem Augenblick verweilt, dass dieser Augenblick aber etwas sehr Dynamisches in sich hat. Er ist Bewegung pur. Nehmen Sie beispielsweise das Hören. Da ist ein vorbeifahrendes Auto, ein Klang, der leise entsteht, an Lautstärke zunimmt und wieder leiser wird, bis nur noch der zwitschernde Vogel übrig bleibt. Die Pausen in seinem Zwitschern werden gefüllt vom Husten meines Sitznachbarn oder der Bewegung der Bauchdecke. Eine Frau berichtete mir einmal während eines Sesshins, dass ihr fast schwindelig wurde von dem rasanten Tempo, in dem diese Augenblicke auftauchen. Ein intellektuelles Benennen wäre gar nicht mehr möglich.
F: Welche Stufe schließt sich daran an?
W: Die siebte Stufe zeichnet sich dadurch aus, dass die Kommentare immer kürzer werden. Das kommt daher, dass ich den Kommentator bereits am Anfang des Gedankens erkenne. Dieses Erkennen ist das Abschneiden des Gedankens und ich habe in diesem Augenblick die freie Wahl, ob ich den Gedanken weiterspinne, weil er mich fasziniert, oder ob ich ihn fallenlasse.
F: Liegt also im Erkennen des Gedankens sein Ende?
W: Ja. Es geht im Zen letztendlich nur um dieses Erkennen. Zen könnte man beschreiben als die Übung „Was ist jetzt?", ohne Benennung oder Bewertung, also ohne Worte, ein Verweilen in Sprachlosigkeit. Daran schließt sich die achte Stufe an: Alles darf sein.
F: Bedeutet das, dass auch der Kommentator sein darf?
W: Ja. Alles darf sein, alles darf auftauchen, der Kommentator, Geräusche, Gefühle, Schmerzen oder Ängste. Es geht nur um das Erkennen und wortlose Wahrnehmen. Dieses wortlose Wahrnehmen beinhaltet die letzte und neunte Stufe, die Ichlosigkeit. Wo kein Benennen mehr stattfindet, ist auch kein Ich mehr anwesend. Da ist ein Gefühl im Bein, aber kein Bein mehr. Da ist die Bewegung der Bauchdecke, aber kein Körper mehr. Da ist ein Geräusch, aber niemand mehr, der es wahrnimmt. Ich habe mich gleichsam in der Wahrnehmung verloren.
F: Wäre es Ihnen möglich, mich praktisch in diese Übung des Shikantaza einzuführen?
W: Gerne, wenn Sie es wollen. Nehmen Sie Ihr Kissen und setzen Sie sich auf den Boden.
Schließen Sie die Augen.
Setzen Sie sich aufrecht hin, drücken Sie die Wirbelsäule ein wenig durch und lassen Sie den Kopf nach unten sinken.
Beide Schultern entspannen sich und fallen nach unten.
Nehmen Sie jetzt die Spannung aus dem Bauchraum und beobachten Sie, wie sich Ihre Bauchdecke leicht nach vorne wölbt.
Sie spüren das gleichmäßige Heben und Senken der Bauchdecke.
Sie machen nichts mit dem Atem, lassen ihn wie er ist, so tief oder so flach, wie er sein will.
Wenden Sie jetzt Ihre Aufmerksamkeit in den Kopfraum und lernen Sie zunächst ihren Kommentator kennen. Nehmen Sie einen kurzen Satz, z.B. „Der Himmel ist blau" und lassen Sie diesen Satz den Kommentator in Ihnen einige Male sprechen. Auf diese Weise lernen Sie Ihr Denken kennen. Finden Sie heraus, in welchem Bereich er sich befindet.
Sprechen Sie den gleichen Satz noch einige Male und beobachten Sie seinen inneren Klang.
Wiederholen Sie den gleichen Satz nochmal, aber lassen Sie jetzt Pausen dazwischen. Konzentriere Sie sich dabei auf die Leerräume, die in den Pausen entstehen.
Sie können feststellen, dass dieser Leerraum nicht leer ist, sondern angefüllt mit Augenblicken der Wahrnehmung.
Sie hören, aber es ist niemand da, der das Gehörte benennt.
Wenden Sie während der Übung Ihre Aufmerksamkeit immer wieder in den Bereich hinein, in dem Sie zuvor den Kommentator wahrgenommen haben.
Ihr Bewusstsein ist jetzt in dem Zustand, in dem sich ein Baby befindet. Es hört auf die gleiche Weise wie Sie, aber es hat noch keine Worte dafür.
Lassen Sie jetzt ihr Bewusstsein wie einen dem Käfig entkommenen Vogel frei fliegen und schauen Sie zu, wohin es sich von ganz alleine wendet, zum Ton, zum Geräusch, zum Gefühl in den Beinen oder zum Atem.
Schauen Sie immer wieder nach, ob der Kommentator schweigt und lassen Sie sich auf die einzelnen Augenblicke ganz ein.
Sie können feststellen, dass die Zeiträume der reinen Beobachtung größer werden und der Kommentator, wenn er auftaucht, schneller erkannt wird.
Lenken Sie jetzt Ihre Aufmerksamkeit noch einmal zu der Bewegung der Bauchdecke. Sie spüren das Heben und Senken - dieses kommentarlose Heben und Senken, - die reine Bewegung, den reinen Augenblick ohne Benennung, - ein kommentarloses Sein. Da ist nur dieses Gefühl, keiner mehr, der es benennt
Sie hören meine Stimme, aber sie hat keine Bedeutung mehr.
Ohne dieses ständige Benennen durch den Kommentator fallen alle körperlichen Grenzen weg. Das Gefühl ist vergleichbar einem Spüren in einem grenzenlos weiten Raum.
Es ist ganz still, ganz ruhig in Ihnen geworden.
Lassen Sie Ihr Bewusstsein sich hinwenden, wohin es will.
Da ist ein Spüren ohne Gegenüber, ein Wahrnehmen ohne Objekt, eine Wahrnehmung ohne Wissen, ohne Betrachter.
Die Grenzen des Körpers sind weggefallen, nur noch das Hören und Spüren in diesem raumlosen Raum.
In diesem Prozess darf jetzt auch der Kommentator auftauchen, wenn er will. Im Erkennen liegt der Weg. In diesem Erkennen liegt bereits sein Ende und Sie haben die freie Wahl, den Gedanken weiterzuspinnen oder ihn loszulassen.
Alles darf sein wie es ist.
Grenzenlose Freiheit.
Gefühle tauchen auf, Ihr Bewusstsein verweilt darin, solange es will und ein neuer Augenblick entsteht.
Sie sind ganz klar, da ist kein Dösen, volle Aufmerksamkeit.
Dieser Raum ist ein Raum namenloser Augenblicke. Er ist zeitlos und ohne Begrenzung.
Sie sind, ohne zu sein.
Die Wahrnehmung nimmt sich selbst wahr.
Bleiben Sie in diesem Zustand, auch wenn Sie jetzt die Augen öffnen. Denken Sie nicht nach darüber und beginnen Sie jetzt nicht, das Erlebte zu analysieren. Bleiben Sie in diesem Baby-Bewusstsein. Worte sind bedeutungslos. Die Welt, die Sie sehen, ist weder in Ihnen noch außerhalb von Ihnen. Alles geschieht von ganz alleine.