Was ist neu am neuen Weg?
Wenn ich einem Neuling in Sachen Meditation einen Rat geben müsste, würde ich wohl so antworten:
Es gibt mehrere Wege, um Meditation zu praktizieren, welcher, musst Du selbst aussuchen.
Hätte ich vor 15 Jahren gewusst, was ich heute zu wissen meine, würde ich Dir Folgendes vor Augen führen.Da gibt es die guten alten, sehr traditionsreichen Schulen des Zen - die Soto, die Rinzai oder Sanbokyodan und ich weiß nicht, wie viele sonst noch. Diese Schulen haben einen mehr oder weniger gleichen Ablauf innerhalb eines Sesshins. Es gibt dort festgelegte Rituale mit einem zeitlich sehr stringenten Ablauf. Du musst Dich um nichts kümmern, außer vielleicht pünktlich an Deinem Platz zu sein. Die Form spielt hier eine wesentliche Rolle, so dass Du meist Menschen antriffst, die in korrekter Sitzhaltung aufrecht auf einem Sitzkissen oder einer Sitzbank oder auch einem Stuhl sitzen und meditieren. Dort wird das Schweigen praktiziert, was unbedingt während des gesamten Sesshins eingehalten werden muss, da Du sonst Dich und andere bei der Praxis stören würdest. Gesessen wird in einem Zendo mit mehreren Menschen, die dicht an dicht nebeneinander pro Sitzeinheit und je nach Schule 25 bis 40 Minuten. meditieren. Zwischen den Sitzeinheiten wird das Kinhin, ein meditatives Gehen praktiziert. Jedem Schritt wird dabei die vollste Aufmerksamkeit geschenkt. Es wird so Präsenz geübt. Je nach Schule wird auch das Schlagen mit einem Kyosako angeboten. Du bekommst dabei jeweils zwei Schläge auf die rechte und linke Schulterhälfte, damit sich Verspannungen lösen können, die während des Sitzens auftreten. Die kannst Du je nach Verspannungsgrad mit einem Gasho erbitten. Natürlich besteht die Gelegenheit zum Dokusan mit dem Meister. Du gehst hierzu in den Dokusanraum, einen Gesprächsraum, dort kannst Du Dir all Deine Erlebnisse und Sorgen, die Du auf Deinem Sitzkissen machst, von der Seele reden. Der Meister hält auch einmal am Tag zu einer festgelegten Zeit ein Teisho, eine Art Unterweisung in die erste Wirklichkeit. Dort sitzt man in der Regel in korrekter Sitzhaltung und hört so in aller Aufmerksamkeit zu. Neben dem gemeinsamen Sitzen von frühmorgens bis in den Abend hinein wird auch gemeinsam gegessen. Je nach Schule fängt man auch hier wieder mit einem gemeinsamen Ritual an und beendet das Mahl auch gemeinsam mit einem Ritual.
Daneben gibt es so etwas wie den neuen Weg, so wie er in Harfetsham praktiziert wird. Es wird auch hier in einem gemeinsamen Zendo gesessen, mit Sitznachbarn neben Dir. Auch hier wird das Kinhin zwischen den Sitzeinheiten praktiziert, jedoch mehr mit der Betonung auf den Prozess des Gehens. Es wird nicht mit einem Kyosako geschlagen, da dies nicht nötig ist. Es wird unnötig, da nicht so viele Verspannungen auftreten wie bei einem herkömmlichen Sesshin. Dies liegt auch an den Sitzeinheiten, die nur 20 Minuten betragen. Wir treffen uns am Morgen und keiner weiß wirklich genau, wie der Ablauf sein wird. Jede Art von Kontinuität wird durchbrochen. Bei dem Teisho werden wir sogar aufgefordert, es uns bequem zu machen. In der Regel meditiert man dort viel in der freien Natur. Jeder sucht sich einen eigenen Platz und lässt sich dort nieder. Die freie Auswahl der Gestaltung von Meditation oder Kinhin fördert meines Erachtens die Wahrnehmung der eigenen Befindlichkeit. Es kommt seltener zu körperlichen Verspannungen und dies trägt zu einem verantwortungsbewussteren Umgang mit sich selbst bei. Bei der herkömmlichen Methode kann es zu einem Eigen- oder Gruppendruck kommen, der eher leistungsorientiert zu sein scheint und unnötige Verspannungen verursachen kann. Es ist bei mir oft vorgekommen, dass ich total erschöpft und voller Schmerzen ins Bett gefallen bin. In diesen Zeiten war wirklich kein Raum mehr für andere Erfahrungen vorhanden.
Das Sitzen im Freien steigert die Aufmerksamkeit. Es fallen auch Fixierungen bzw. Projektionen auf die Sitznachbarn weg, die ihrerseits wieder zu neuen Verspannungen führen können. Insgesamt gesehen ist es für den Körper leichter in Fluss zu kommen, da er in relativ entspannter Form frei für neue Erfahrungen werden kann. Auch ist der Kontakt zu sich und den anderen in der Gruppe viel ungezwungener und freier. Das Schweigen während des Sesshins ist einfacher, da wir uns kennen. Der vorherige Austausch untereinander vertieft die Meditationspraxis. Die Ernsthaftigkeit der Meditation wird dadurch nicht geschmälert. Die Gruppe kennt sich, und das nötige Vertrauen innerhalb der Gruppe ist viel schneller vorhanden. Ein guter Nährboden für neue Erfahrungen. Die Fixierung auf den Lehrer lässt nach, da alle in der Gruppe irgendwie zu Lehrern werden. Die Angst, wie in einem durchritualisierten Sesshin etwas Falsches zu tun, fällt weg und damit auch wieder die körperliche Anspannung. Aufkommende Emotionen können schneller erkannt werden und dadurch besser gelassen werden. Auf dem neuen Weg wird das formale Sitzen auch manchmal durch Entspannungsübungen unterbrochen, was wieder Freiräume für ungezwungene Erfahrungen eröffnet. Auf diesem Weg wird auch öfter das Schweigen aufgehoben, was der Meditationspraxis keinen Abbruch zuführt. In der alten Praxis wird der Eindruck vermittelt, es würde dadurch etwas verloren gehen. Oder jemand könnte sich dadurch den Weg verbauen oder gar nicht schnell genug vorankommen.
Das Gegenteil geschieht auf dem Weg. Durch die Betonung der Sangha, der Gemeinschaft, wird die Praxis vertieft und das innerhalb kürzester Zeit. Dies geschieht durch das gemeinsame Gespräch, das innerhalb eines Sesshins mehrmals in der Gruppe stattfinden kann. Es ist sehr erleichternd zu hören, dass alle Teilnehmer irgendwie die gleichen Probleme haben. Oder wie sie auf diesen Weg gekommen sind. Die scheinbare Kontinuität, die durch die ritualisierten Abläufe im Sinne der alten Tradition erzeugt wird, wird auf diesem Weg bewusst durchbrochen. Dieses Durchbrechen ermöglicht es, in neue Erfahrungsräume einzutreten. Eine Präsenz oder ein Gewahrsein seiner selbst wird dadurch für den Einzelnen und die Gruppe erlebbarer. Und es beugt inneren Versteinerungen vor, die bei ständiger Wiederholung des ritualisierten Ablaufes eines Sesshins im traditionellen Stil auftreten können. Die Betonung dieses neuen Weges liegt eindeutig auf der Prozesshaftigkeit. Es gibt auch keine formalen Regeln für das Essen. Jeder kann so viel und wenig oder so langsam und schnell essen, wie er es für angemessen hält. Es kann so ohne äußeren Stress die reine Aufmerksamkeit auf das Essen gelenkt werden. Dadurch entsteht kein innerer Druck, schnell essen zu müssen oder nicht satt zu werden, da die Zeit knapp wird.
Auch der Gang zum Lehrer wird ungezwungener. Beim Sitzen im Freien kam der Lehrer nämlich zu uns. In Harfetsham fiel die körperliche Anspannung, zum Dokusan zu gehen, komplett weg. Der Lehrer hat uns aufgesucht und in allen Fällen auch gefunden. Es kam meines Wissens keiner zu kurz.
Dies würde ich in kurzen Worten einem Neuling in Sachen Meditation erzählen und vielleicht noch hinzufügen, dass es viel Mut braucht, um den neuen Weg zu gehen. Ich persönlich würde den neuen Weg trotzdem bevorzugen. Er öffnet aus meiner Sicht sehr viele Räume der Erfahrungen. Und Erfahrungen gab es in Harfetsham zur Genüge für alle von uns.
Mai 2009, A.P.