Der neue Weg

Bewusstsein ist der Weg, aber nicht das Ziel

Viele, die den WEG erlernen, erfahren die Wahrheit nicht.
Der Grund ist einfach:
Nur mit dem unterscheidenden Bewusstsein,
das sie schon immer hatten, nehmen sie wahr.
Das ist der Ursprung des endlosen Kreislaufs von Leben und Tod.
Dummköpfe halten das für das wahre Selbst.

(Vers zum 12. Koan aus dem Mumonkan)


Seit einiger Zeit habe ich die ausgetretenen Pfade der alten Zen-Tradition verlassen und propagiere einen neuen Zen-Weg, wobei ich nicht die Zen-Tradition der alten Meister in Frage stelle, sondern die herkömmliche Praxis der Vermittlung des Weges. Da scheint mir, liegt einiges im Argen.

Auslöser für diese neue Richtung waren im Wesentlichen zwei Dinge. Erstens: Warum machen so wenige Menschen wirklich tiefe Erfahrungen? Und zweitens: Mein immer tieferes Eindringen in den Bereich, der nicht mehr mit Worten beschrieben werden kann. Unbewusst sind in den letzten Jahren viele kleine Mosaiksteinchen aufgetaucht, die sich jetzt zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Das hat vor einigen Jahren begonnen, als ich in meinem Buch „Befreiung des Ich" über den inneren Kommentator geschrieben habe, über denjenigen in uns, der uns die Welt erklärt. Später kamen einige Geschichten in dem Buch „Märchen zum Aufwachen" dazu. Verdichtet hat es sich auch in vielen Koans, die von dem weiten Raum erzählen, aus dem heraus alles geschieht. Neueste Forschungen aus dem Bereich der Quantenphysik und der Hirnforschung haben mich dabei ebenfalls unbewusst unterstützt.

Wenn man Zen-Bücher liest, stellt man fest, dass sie sich im Allgemeinen auf Geschichtliches und Zitate alter Meister beschränken, aber kaum etwas Neues bringen. Und vor allem: Man erfährt so gut wie nichts über die Praxis, also über das Wie. Ein paar Zitate, dazu ein paar salbungsvolle Worte und das Buch ist fertig. Es lässt sich eben zur Zeit viel Geld mit Zen verdienen. Mir jedoch geht es im Wesentlichen um die Praxis, d.h. was geschieht, wenn ich mich auf meinem Kissen oder Bänkchen niederlasse?
Das Neue an der Zen-Praxis, die ich jetzt vermittle, könnte man vielleicht so ausdrücken: Es geht nicht mehr um ein konzentratives und zwanghaftes Sich-Hineinversenken-In-Das-Was-Ist, wie bisher, sondern um den freien Hintergrund, aus dem heraus das alles geschieht.

Auf dem Weg, der bisher vermittelt wurde, gab es die Anweisungen: Versenke dich in den Atem hinein. Werde eins mit dem Atem. Werde eins mit dem Mu oder dem Koan. Das führt dann meistens zu einem völlig verkrampften Üben und zu ständigen Frustrationen und man sagt sich: Vielleicht bin ich nicht begabt für den Weg? Diese Frage habe auch ich mir oft gestellt.
Man konzentriert sich auf den Atem und spätestens nach dem vierten Atemzug ist man schon wieder in Gedanken anderswo. Und man macht sich Vorwürfe, setzt noch eins drauf und beginnt, die Atemzüge zu zählen, wie das in vielen Zen-Büchern beschrieben wurde. Doch das funktioniert auch nicht. Der Punkt dabei ist der: Man merkt nicht, wie ständig das Ich bemüht wird, um die sog. Erleuchtung zu erlangen.

Wenn man Mumons Kommentar zum Mu liest, ist man versucht, diese Übung noch mehr zu intensivieren.

„Ist hier jemand, der diese Schranke durchschreiten will? Dann lass deinen ganzen Körper mit seinen 360 Knochen und Gelenken und seinen 84000 Poren zu einem massiven Klumpen des Zweifels werden und versenke dich mit aller Kraft in dieses »MU«. Dahinein konzentriere dich ohne Unterlass bei Tag und Nacht. Wie soll man sich nun auf MU konzentrieren? Übe mit äußerster Kraft bis zum letzten Funken deiner Energie! Und wenn du nicht nachlässt, wirst du erleuchtet werden wie eine Kerze auf dem Altar, die durch die Berührung einer Flamme sofort angezündet wird.”

Beim Lesen dieser Worte wird der Eindruck erweckt, nur mit ungeheuerer Anstrengung käme man dahin, diese Schranke zu durchschreiten. Wir müssen doch nicht erleuchtet werden, wir sind es doch bereits! Koun Yamadas Kommentar dazu geht in die gleiche Richtung:

„Wenn es so weit ist, höre ja nicht auf! Sei unbekümmert! Bemüh' dich weiter, bis plötzlich die MU-Kugel aufbricht und dein wahres Selbst gleich einem Blitz hervorspringt. Ihr dürft aber hier nicht stehen bleiben. Ihr müsst euch sogar noch mehr anstrengen.”

Noch mehr anstrengen? Vielleicht haben wir nur vergessen, wer wir wirklich sind und müssen uns nur wieder erinnern. Stellen wir uns vor: Wir gehen in ein Zimmer, um etwas zu holen. Wir stehen im Zimmer und wissen nicht mehr, was wir holen wollten. Bleiben wir im Zimmer solange stehen, bis es uns wieder eingefallen ist? Nein, natürlich nicht. Wir gehen aus dem Zimmer und machen etwas ganz anderes. Und plötzlich fällt es uns wieder ein. Doch solange wir uns darauf konzentrieren und unser Ich strapazieren, kann es nicht gelingen. Und wir haben bei unserer "Zen-Übung" ein schlechtes Gefühl, wenn uns das Mu oder der Atem wieder einmal abhanden gekommen ist. Und so strengen wir unser Ich-Bewusstsein noch mehr an und betrachten das Mu als Objekt unserer Begierde. Dazu kommt die Frage des Meisters: Was ist Mu? Keiner jedoch sagt einem und ich habe das auch noch nirgends gelesen: "Vertiefe dich solange in das Mu, bis es eingeschlafen ist.” Vielmehr wird uns das Gefühl vermittelt, dass es nicht einschlafen darf. Auf diese Weise wird Meditation anstrengend und verkrampft. Nach meinem Dafürhalten sollte Meditation jedoch genau das Gegenteil sein: Entspannend und ein sanftes Einschlafen des Ich-Bewusstseins. So fällt das Gefühl weg, mit aller Gewalt beim Mu oder beim Atem bleiben zu müssen, was das Gefühl der Zweiheit beim Zen-Schüler noch verstärken würde: Ich und das Mu. Ich und der Atem.

Bisher hat man sich im Zen immer am Objekt (Atem - Mu - Koan) festgemacht und man hat uns gesagt, dass wir uns da hineinvertiefen sollen, um damit eins zu werden. Doch wer soll eins werden, wenn niemand da ist, der dahinter steht? So wird uns das Gefühl vermittelt: Ich muss irgendwohin kommen und der "große Meister" ist schon da. Immer war man nur auf die sog. Lösung der Koan konzentriert, doch um den Hintergrund hat sich niemand gekümmert oder darauf hingewiesen. Es hieß nur: "Nächstes Koan!” Das führte entweder zu einer ständigen Ich-Frustration, wenn es nicht realisiert wurde oder zu einer gewaltigen Ich-Inflation, bewusst oder unbewusst. Mein Ich wurde in solchen Situationen entweder aufgebaut oder das Ich war enttäuscht.

Das Gehirn braucht Freiräume, um Lösungen zu finden. Das sagt auch die neue Hirnforschung. Ein entspannter Geist findet schneller Lösungen.

Ist der neue Weg also ein Weg der Entspannung? Nun, Entspannung geht in diese Richtung, aber Entspannung geschieht immer nur aus der Ich-Ebene heraus. Ich möchte mich entspannen, ich möchte ruhig werden, ich möchte ins Gleichgewicht kommen. Immer ich, ich, ich. Nein, ich meine ein entspanntes Hineinspüren in den Hintergrund, in diesen raumlosen Raum, aus dem heraus alles geschieht: Der Atem, die Geräusche und das Spüren.
In den letzten Jahren hat sich mein Verständnis von Zen und Meditation grundlegend verändert. Ein nicht näher benennbares Unwohlsein hat sich immer mehr in mir ausgebreitet, was die Koan-Praxis betrifft, die Übung mit dem Mu und dem Atem. Alles wurde auf das Objekt hin ausgerichtet, auf den Atem, auf die Lösung der Koans, ohne das Ganze zu sehen, ohne den Hintergrund, aus dem heraus das alles geschieht.

In einem Rundbrief Ostern 2001 hat ein Meister dieser Zeit geschrieben:

Liebe Freundinnen und Freunde!
Ein Koan im Zen ist meist eine Begebenheit aus dem Leben. Der Schüler hat daran vor dem Lehrer seine Erfahrung der Wirklichkeit zu präsentieren.”

Ich möchte dies und alles Folgende nicht als Kritik verstanden wissen, sondern lediglich als Richtigstellung.

Dazu das Koan Nr. 48 aus dem Shoyoroku:

Vimalakirti fragte Manjushri: „Was bedeutet es, dass der Bodhisattva in das Dharma-Tor der Nicht-Zweiheit eintritt?”
Manjushri sagte: „Ich sehe es folgendermaßen: Bei allen Phänomenen gibt es weder Wort noch Erklärung, weder Präsentieren noch Wissen. Es ist jenseits jeglichen Fragens und Antwortens. Dies verstehe ich als ‚in das Dharma-Tor der Nicht-Zweiheit eintreten.”

Können wir Koans ‚lösen'. Wie sollte ich Wirklichkeit ‚lösen' und wer ist das, der dahinter steht? Wirklichkeit lässt sich weder präsentieren noch lösen. Ich kenne etliche Zen-Schüler anderer Meister, die stolz verkündet haben, alle Koans gelöst zu haben. Im Gespräch mit ihnen musste ich feststellen, dass die wesentlichen Erfahrungen gefehlt haben. Also kann etwas mit der Praxis nicht stimmen.

Neuerdings spreche ich sehr oft von einem verstandesmäßig nicht definierbaren Raum, in dem die Dinge einfach geschehen. Daher möchte ich diesen Raum etwas genauer erläutern, auch wenn ich mir bewusst bin, dass Worte da nicht hinreichen.
Der raumlose Raum, dieser allumfassende und nicht verstandesmäßig eingrenzbare Bewusstseinsraum, in dem wir uns bewegen, kennt keine Gegensätze wie beispielsweise Innen oder Außen. Diese Gegensätze tauchen nur in unserem Denken auf. Wir können diesen Raum nicht sehen. Wir können ihn nicht fassen, obwohl wir uns in ihm bewegen. Er ist grenzenlos und leer und hat keine Form, aber er ermöglicht alle Formen. Wir können ihn weder besitzen noch verlieren. Er ist durchsichtig und wir blicken hindurch. Er hat weder Anfang noch Ende und doch bietet er alle Möglichkeiten des Erkennens, ob das Formen im Außen sind oder innere Zustände. Im Grunde entzieht er sich jeder intellektuellen Beschreibung. Ich möchte diesen Raum nicht Leerheit nennen, denn Leerheit impliziert, dass da nichts ist. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn wir in diesen Raum hineinspüren, sind keine Worte mehr in uns. Der Kommentator ist gestorben. Das hat seinen Grund darin, dass dieser raumlose Raum keine Eigenschaften oder Merkmale hat. Er ist weder gut noch böse, hat weder Anfang noch Ende, ist weder richtig noch falsch. Dieser Raum ist offen, frei, unveränderlich und unbegrenzt. Er kennt weder Innen noch Außen. In dieser weiten Offenheit gibt es keinen Platz für Mittelmäßigkeit, weder Meister, noch Schüler.
In diesem raumlosen Raum bewegt sich etwas, zu dem wir ‚Ich' sagen, ein klares Gefühl von Anwesenheit. Seltsamerweise schenkt man in der Praxis des Zen diesem Raum keine Beachtung, obwohl er Voraussetzung dafür ist, dass Bewegung und Objekte überhaupt erst stattfinden können. Wenn wir in diesen Raum hineinspüren, sind wir durch und durch von diesem unbegrenzten raumlosen Raum durchdrungen. In ihm finden Gefühle statt, denn Gefühle brauchen Raum, um in Erscheinung zu treten. In ihm findet Denken statt, denn Gedanken brauchen Raum, um in Erscheinung zu treten. In ihm finden die Objekte statt, denn jedes Objekt braucht Raum, um dazu zu werden.
Dieser Raum ermöglicht es mir, mich zu bewegen, Auto zu fahren, zu schreiben, zu hören. Kurz: Ohne diesen Raum wäre kein Leben möglich. Doch niemand beachtet diesen Raum, der nicht nur raumlos, sondern auch zeitlos ist. Die meisten Menschen machen sich nur an den Objekten fest, die in diesem Raum in Erscheinung treten, kurz aufblitzen, um dann wieder zu verschwinden. Dieser Raum wird im Herz-Sutra als Leere beschrieben. In ihm verlieren Formen und Objekte ihre Bedeutung, verschmelzen gleichsam und bilden eine untrennbare Einheit. Ohne Leere keine Form und umgekehrt. Das, was wir sind, ist jenseits von Sein oder Nicht-Sein, d.h. ohne Unterscheidung von Leben und Tod und ist nicht zeitlich und räumlich begrenzt, also jenseits dessen, was intellektuell vorstellbar ist. In diesem Sinn sagt Meister Eckhart in seiner 11. Predigt:

„Solange der Mensch Zeit und Raum hat und Zahl und Vielheit und Menge, so ist er gar unrecht daran und Gott ist ihm fern und fremd.”

Dem widersprechen die oft gebrauchten und viel zitierten Zen-Worte des Hier und Jetzt, denn Hier bezieht sich auf eine räumlich eingrenzbare und Jetzt auf eine zeitliche Dimension in Bezug auf vorher und nachher. Noch einmal Meister Eckhart aus seiner 35. Predigt:

„Und dieses Erkennen ist ohne Zeit, ohne Raum und ohne Hier und ohne Nun.”

Es gibt eine Reihe alter Meister, die über diesen raumlosen, offenen Raum sprechen. Dogen Zenji beschreibt diesen Raum an verschiedenen Stellen im Shobogenzo:

„Der ganze Raum ist Erleuchtung - Die ewige Gegenwart enthält den grenzenlosen Raum, außerhalb von ihr existiert nichts. - Shakyamuni verbirgt sich selbst in der Udumbara-Blume und offenbart sich aber auch als die Udumbara-Blume. Genauso verbirgt er sich im Raum und ist doch eigentlich selbst der Raum. - Buddhas wahrer Dharma-Körper ist wie Raum oder Schatten, oder wie der Mond, der sich im Wasser spiegelt. Weil alle Dinge sich vom Übel enthalten, enthalten sich alle Formen vom Übel. Es ist wie der Raum, der existiert, egal wohin du zeigst. Es ist wie der Mond, der sich im Wasser spiegelt; das Wasser stört den Mond nicht.”

Es geht also in der Meditation nicht um einen vorgestellten Raum, sondern um den raumlosen Hintergrund, in dem das Erlebte stattfindet.

Manjushri hat einmal gesagt:

„Der Geist ist wie Raum. Darum hat der sich ehrfurchtsvoll Verneigende nichts, worauf er schauen könnte.”

Es gibt auch wunderbare Koans, die auf diesen Raum hinweisen. Eines steht im Mumonkan Nr. 19.

Da fragt Jôshû Nansen in allem Ernst: „Was ist der WEG?” Jôshû fragt im Grunde nach der Sitzpraxis. Nansen antwortete: „Der alltägliche Geist ist der WEG.” Das bedeutet nichts anderes, als: Sei so, wie du bist, ganz einfach. Vergiss den Hintergrund, aus dem heraus du das tust. Vergiss das Konzept ‚Zen', vergiss das Konzept ‚Meditation', das du im Kopf mit dir herumträgst. Jôshû fragte: „Soll ich mich selbst darauf ausrichten oder nicht?” Hier beginnt es interessant zu werden. Jôshû fragt, ob er sein Ich auf etwas konzentrieren soll, also zum Beispiel auf den Atem, das Mu oder das Koan. Nansen sagte: „Wenn du versuchst, dich ihm zuzuwenden, wendest du dich von ihm ab.” Das ist der entscheidende Punkt. Wenn wir unser Ich bemühen, wenden wir uns von der Wirklichkeit ab. Da können wir uns noch so sehr bemühen. Jôshû fragt weiter: „Wenn ich nicht versuche, mich ihm zuzuwenden, wie kann ich wissen, dass es der WEG ist?" Nansen antwortete: „Der WEG hat nichts zu tun mit Wissen oder Nicht-Wissen. Wissen ist Illusion. Nicht-Wissen ist ohne Bewusstsein.” Er will sagen: ‚Wissen' ist nur eine Erscheinung in deinem Geist, so wie die Fata Morgana nur Erscheinung ist. Hier erfahren wir es nicht. ‚Nichtwissen ist ohne Bewusstsein' bedeutet: Wenn wir im Tiefschlaf sind, sind wir ohne Bewusstsein. Auch da erfahren wir es nicht. Und er sagt weiter: „Wenn du den zweifelsfreien, wahren WEG wirklich erreicht hast, wirst du ihn erfahren als grenzenlos und leer wie den Weltraum. Wie kann man darüber sprechen auf einer Ebene von Richtig oder Falsch?”
Der letzte Satz bedeutet: Wenn wir uns in diesen Raum hineinspüren, ist der Kommentator verschwunden und somit auch richtig und falsch. Wir sind nicht mehr in der Lage, das zu beschreiben, was da geschieht, aber irgendetwas ist sich bewusst, dass etwas in diesem Raum geschieht.

Das 52. Koan aus dem Shoyoroku weist ebenfalls auf diesen leeren Raum hin. „Sozan sagte zum Toku Shoza: „Der wahre Dharmaleib (also das, was wir wirklich sind) ist wie der leere Himmel; er offenbart seine eigene Form so wie der Mond, der sich im Wasser spiegelt."

Ebenso das Koan Nr. 1 aus dem Hekiganroku: Kaiser Bu (Kaiser Bu herrschte über das Land Ryo in den Jahren 502-509) fragte den Großmeister Bodhidharma: „Was ist der höchste Sinn der Heiligen Wirklichkeit?" Bodhidharma sagte: „Weit und leer, keine Heiligkeit." Der Kaiser sagte:" Wer bist du, der du mir gegenüber stehst?" Bodhidharma sagte: „Ich weiß es nicht.”
Der chinesische Kaiser fragt nach der tiefsten Wirklichkeit und Bodhidharma beschreibt sie als weit und leer, ohne Erhabenheit und Heiligkeit. Dass sich Bodhidharma vollständig in dieser Wirklichkeit befindet, wird im letzten Satz deutlich, als der Kaiser ihn nach seiner Person fragt und Bodhidharma antwortet: „Ich weiß es nicht." In diesem Raum gibt es keine Person mehr, nur vollkommene Einheit.

Ich könnte noch viele andere Koans aufzählen, in denen es ebenfalls um die Erschließung dieses Raums geht:

„Frei betrachte ich einen fliegenden Vogel und zeichne die Spur seines Fluges nach."

Auch hier wird der grenzenlose Raum angesprochen, durch den sich der Vogel bewegt. Der Vers im Denkoroku 34 lautet:

Es gibt keine Wegspur des hierhin oder dorthin fliegenden Vogels.
Wie kann einer auf dem feinen Weg nach Rangstufen suchen?

Weitere Koans, die auf diesen unbegrenzten Raum hinweisen, sind in den Gemischten Koans zu finden:

„Der Regen klatscht auf die Birnenblüten, ein Schmetterling fliegt davon."

„Der Wind weht durch die Weiden, die wolligen Samenbällchen fliegen davon."

In beiden Koans wird die Synchronizität angesprochen, von der so gut wie nichts im Zen zu hören oder zu lesen ist.

Mumonkan Nr. 46:

Meister Sekisô sagte: „Wie willst du von der Spitze einer hundert Fuß hohen Stange vorwärts gehen?" Ein anderer berühmter Altmeister sagte: „Auch wenn einer sitzend auf einem hundert Fuß hohen Mast Erleuchtung erfahren hat, ist es noch nicht die vollständige Sache. Er muss von der Spitze des Mastes vorwärtsgehen und seinen ganzen Körper in den zehn Richtungen des Weltalls deutlich zeigen."

Auch hier wird von dem leeren Raum gesprochen, den wir betreten, wenn wir von Spitze des Mastes vorwärts gehen und jede Sicherheit hinter uns lassen.

Shoyoroku 79:

Chosa ließ einen Mönch den E Osho fragen: „Was war, bevor du Nansen gesehen hast?“
E Osho saß da und rührte sich nicht.
„Was ist, nachdem du ihn gesehen hast?", fragte der Mönch.
„Nichts besonderes", antwortete E.
Der Mönch ging davon und erzählte das dem Chosa. Dieser sagte:
„Der Erleuchtete sitzt auf der Spitze einer hundert Fuß hohen Stange. Er hat den Weg betreten, ist aber noch nicht wahrhaftig. Er muss von der Spitze einer hundert Fuß hohen Stange aus einen Schritt gehen. Und die Welten der zehn Richtungen werden sein vollständiger Leib sein."

„Die Welten der zehn Richtungen" meint das Absolute, das frei und ungehindert in alle Richtungen wirkt. Nichts ist davon ausgeschlossen, wo dieses Absolute nicht wirken könnte.

Im Shinjin-Mei lesen wir:

„Die Weisen der zehn Richtungen
sind alle in diese Weisheit eingetreten."

Dogen schreibt im Shobogenzo:

„Der Buddha-Geist umfasst die zehn Richtungen, und es gibt kein Tor um ihn zu betreten."

Und weiter:

„Die zehn Richtungen der Welt sind das gleiche wie das Buddha-Land."

Überall wird von dieser ungeheueren Dimension berichtet, einer bewegungslosen Weisheit.

Wie sieht aber nun die Praxis aus?
Betrachte nicht das Objekt, sondern den Raum darum herum, nicht den Atem als solchen, sondern den Raum, aus dem heraus dieser Atem entsteht und erst möglich macht. Alles braucht Raum, um in Erscheinung zu treten, auch unser dualistisches Bewusstsein. Es braucht Raum, um in Erscheinung zu treten und es breitet sich in uns aus als Zeit und Raum. Man spricht ja auch von Bewusstseinsräumen. Doch was liegt hinter dem Bewusstsein? Ein unendliches Potential, in dem alles möglich ist, einschließlich der Vorstellung von uns selbst, das Wunder der Leerheit. Eine Kerze braucht Raum, um brennen zu können. Das Leben braucht Raum, um sich entwickeln zu können. Die Form hat keine Chance ohne den Raum darum herum.

Unser Verstand ist begrenzt in der Dreidimensionalität. Wir müssen die Irrationalität unserer Täuschungen erkennen. Wir können uns aber auch nicht daraus herausdenken. Es kann nur geschehen, wenn wir den Gedanken aufgeben, es zu versuchen. Dazu müssen wir uns weder anstrengen, noch konzentrieren. Wir müssen uns nur von dem Zwang befreien, durch Denken verstehen zu wollen und das Ich, dieses illusionäre Netzwerk, als das zu sehen, was es ist: Nicht wirklich.

Unser Wahres Wesen, der Urgrund unseres Seins, ist ohne Ich, ohne Ursache, ohne Wissen, ohne Form, ohne Eigenschaften, ohne Identität. Aus diesem Urgrund entsteht der Gedanke des Seins, der Traum des Seins, in dem die Welt wie ein Traum in Erscheinung tritt. Dies ist unser dualistisches Bewusstsein. Durch unsere Eltern, die Erziehung und die Sprache, mit der wir die Dinge um uns herum benennen, lösen wir uns von diesem Urgrund und es beginnt der Prozess der Selbstidentifikation und damit die Vorstellung eines abgesonderten Ich. Indem wir uns und die Welt um uns herum als Objekte betrachten, beginnt das Gefühl von Gefangensein-In-Sich-Selbst stärker zu werden. Ab jetzt beginnt unbewusst die Suche nach Glück und Geborgensein, nach dem grenzenlosen Potential. Der Grund:  Wir haben vergessen, wer wir wirklich sind.
Die meisten Menschen betrachten sich als eigenständige Wesen, als Objekt inmitten von Objekten, und so suchen sie das Glück in den Objekten um sich herum: Im Partner, den Kindern, in Karriere, Genuss usw. Sie wissen nicht, dass sie träumen, dass dieses Leben, wie es ist, nur ein Traum ist. Kausalität, also Ursache-Wirkung-Denken kann nur in diesem dualistischen Traum stattfinden.
Buddha heißt: Der Erwachte. Einschlafen geschieht uns, wir können es nicht machen. Träumen geschieht uns, wir haben keinen Einfluss darauf. Aufwachen geschieht uns. Wir können den Zeitpunkt nicht festlegen. Geschehen-lassen ist das Zauberwort. Darum geht es. Wir betrachten uns im Zen oft als Einzelkämpfer, doch wir sind keine Samurais mehr. Zen liegt in Japan in den letzten Zügen. Wir müssen aufhören zu kämpfen. Wir sollten uns an die Bergpredigt erinnern, wo es heißt: „Selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich." Die Armen im Geiste, das sind wir, die wir uns in diesen weiten leeren Raum hineinspüren, in dem alles Intellektuelle ein Ende hat. Dieses Hineinspüren könnte man auch als offenes Gewahrsein bezeichnen, eine Art Wachschlaf oder bewusstloses Bewusstsein. Es ist ein Zustand des Erkennens ohne Zweiheit, „neti, neti", eine doppelte Verneinung, „nicht, nicht", nicht dies, nicht das, intellektuell gesehen. Das Tao Te King beginnt mit den Worten: „Das Tao, das enthüllt werden kann, ist nicht das ewige Tao.”
Alles Formhafte unterliegt der Zeit. Es kommt, verändert sich und verschwindet wieder. Daher ist in der Form das Leid einprogrammiert. Wir leiden jedoch nicht nur an unserer äußeren Form, sondern in gleicher Weise an unserer inneren Form, die sich als Ich manifestiert und einzementiert hat. Doch was steckt hinter dieser Form? Was steckt hinter diesem Ich? Zu sagen: Es gibt diese Form nicht, nützt nichts, denn unser Gehirn setzt die Form immer wieder zusammen. Denken kann nur in diesem Form-Rahmen stattfinden. Selbst wenn sich ein Beinamputierter sagt: Da ist doch kein Bein, hören die Phantomschmerzen nicht auf. Das Gehirn sieht immer nur das Ganze der Form und es unterscheidet nicht zwischen Außen und Innen. Es kann nicht akzeptieren, dass da nichts ist.
Denken geschieht durch das Zusammenspiel von Neuronen, die elektronische Impulse weitergeben. Zwischen ihnen funkt es gewaltig. Hirnforscher bezeichnen das Entstehen von Gedanken als ein Gewitter im Kopf. Das ist oft nicht angenehm, wie wir wissen.

Zum Schluss noch ein kleiner Ausblick auf die Naturwissenschaften:


Die Naturwissenschaft hat bis heute noch nicht die Frage gelöst, wie in unserem Gehirn die grüne Wiese entsteht.Wir definieren uns aus unserer Vergangenheit. - Die Kapazität des dualistischen Bewusstseins ist begrenzt. Es haben immer nur wenige Inhalte gleichzeitig Platz. - Wenn wir uns nur auf eine Sache konzentrieren, sind wir nicht in der Lage, gleichzeitig andere Dinge um uns herum bewusst wahrzunehmen. - Es gibt keinen Ort des Bewusstseins. - Bewusstsein ist nicht auf das Hirn beschränkt. - Gedanken haben Muster.

Was liegt hinter dem Gehirn? Was ist das, was das Denken möglich macht? Was liegt hinter diesen neuronalen Prozessen? Wie ist unsere innerste Natur beschaffen?

Die Interpretation der nun folgenden Informationen im Hinblick auf das bereits Gesagte überlasse ich euch selbst.

„Alles, was Menschen wahrnehmen, anfassen, sehen, lässt sich als Energie beschreiben und die Energie selbst pulsiert in einer körnigen Struktur: Winzige, diskrete Einheiten, Quanten, die sich nur nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit richten. Niemand kann genau voraussagen, wann sich Teilchen mit welcher Geschwindigkeit an welchem Ort zeigen. Deswegen ist selbst das Nichts nicht so leer, wie wir Menschen vor Jahrhunderten glaubten. Im Gegenteil: Das Nichts ist pulsierende Wahrscheinlichkeit, ein gigantisches Potential, aus dem alles Denkbare in jedem Augenblick erscheinen könnte. Alles entsteht aus dem Nichts.
Nach allem, was die Physik heute weiß, sind Raum und Zeit nicht der Hintergrund der Welt. Raum und Zeit hängen vom Beobachter ab. Sie sind nicht, wie früher angenommen, der Rahmen der Wirklichkeit. Raum und Zeit sind selbst Akteure in einem gewaltigen Geschehen. Sie sind selbst Teilchen einer wie auch immer gearteten Struktur.
Im Reich der Quanten sind viele Dinge möglich, die weit über unser Vorstellungsvermögen hinausgehen. Quanten können aus dem Nichts entstehen. In der Quantenmechanik werden die Dinge in einer Art Schwebezustand gehalten und erst, wenn wir hinschauen, entscheidet es sich, ob das eine oder das andere der Fall ist.
Quanten verhalten sich wie eine Welle bis zu dem Augenblick, in dem ein Beobachter sie misst. In diesem Moment kollabiert die Welle und die Welt der Quanten erstarrt. Was in diesem Augenblick geschieht, hat noch niemand herausgefunden. Verändert sich die Welt tatsächlich durch die Beobachtung? Befindet sich alle Energie in einer Art Schwebezustand, beschrieben durch Wellenfunktionen? Zerbrechen die Wellen bis in die Tiefen des Raumes?
Wenn ich davon ausgehe, dass sich die Wellenfunktion da draußen ausbreitet, wird es mysteriös. Denn dann ändert sich auf Grund meiner Messung hier die Wellenfunktion im ganzen Universum plötzlich und überall gleichzeitig. Das ist schon eine sehr herausfordernde Vorstellung.
In der Welt der Quanten ist alles unbestimmt, ähnlich einer Idee. Eine Zeichnung z.B. beginnt mit einer Vorstellung, die zwar zielgerichtet ist, aber dennoch vage. In dem Augenblick, in dem der Stift angesetzt wird, entsteht aus dem Potential der Vorstellung eine konkrete Form. Ohne Beobachter befinden sich Quanten an keinem bestimmten Ort. Sie haben keine bestimmte Geschwindigkeit. Sie existieren als bloße Beschreibung ihrer Möglichkeiten. Erst im Augenblick der Messung entscheiden sich die Quanten für einen konkreten Zustand. Bis dahin regiert der Zufall. Wir können nichts vorhersagen. Wir Menschen reagieren nicht wie ein Uhrwerk." (ZDF infokanal 2008)

Vielleicht ahnen wir jetzt etwas von den Schöpfungsmythen, in denen geschrieben steht, dass alles aus dem Nichts entsteht. Der Alltag suggeriert uns immer wieder, dass es nur ein ‚Entweder - Oder' gibt. Doch Leben ist immer ein ‚Sowohl - Als Auch'.
Um in neue Erfahrungen zu kommen, müssen wir die Grenzen sich auflösen lassen, die wir uns selber aufgebaut haben. Diese Erfahrungen müssen aber auch wieder losgelassen werden, ansonsten werden sie uns vergiften wie Nahrung, die wir zu uns genommen haben und nicht mehr ausscheiden wollen. Dann kann das aufbrechen, was die Quantenphysik ‚potentielle Energie' nennt.

W. Walter, E'un-Ken, Februar 2009