Burnout

Der Weg der Achtsamkeit bei Stress – Burnout

Die Achtsamkeit ist bei Stress, Burnout und Depression ein hilfreiches Werkzeug, um in diesen Krisen zu wachsen und sie zu überstehen. Wir sind dadurch in der Lage, sehr viel über uns und unsere „Muster“ zu lernen und sie zu erkennen. Achtsamkeit ist eine wirksame Methode, einen Zugang zum eigenen Potential zu bekommen, Krisen als Chancen zu verstehen und an ihnen zu wachsen, ohne daran zu zerbrechen. Achtsamkeit ist ein Weg, aufmerksam und bewusst in der Gegenwart, zu verweilen, um den gegenwärtigen Augenblick mit all seinen Facetten offen, nicht-wertend als Zeuge wahrzunehmen. Dabei kommen wir nicht nur mit uns selbst in Kontakt, sondern erkennen auch unsere Weltanschauung und die „Rolle“, die wir spielen.

Stress

Ähnlich wie verschiedene Materialien Belastung und Druck ausgesetzt sind, ist der Mensch vielfachen Belastungen wie Krankheit, Schmerz, psychischen Belastungen, sowie den Nadelstichen des täglichen Lebens ausgesetzt. Dazu kommen familiäre und gesellschaftsbedingte Belastungen, Berufsverlust und innerer Stress.
In den frühen Jahren der Menschheitsgeschichte  war Stress ein Überlebensprogramm, das uns davor schützen sollte, getötet zu werden. Im Falle einer Bedrohung oder eines Angriffes wurden in unserem Körper Stresshormone freigesetzt, die unserem Körper Energiereserven als Vorbereitung auf einen bevorstehenden Kampf oder eine Flucht zur Verfügung stellten. Der Körper wurde so in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt, was eine Erhöhung der Puls- und Herzschlagfrequenz und des Blutdrucks bewirkte. Auch wenn es heute nicht mehr um pures Überleben geht, reagiert unser Körper immer noch im Steinzeitmodus. Stress ist jedoch nur als kurzes Notfallprogramm gedacht, nicht aber als Dauerprogramm.
Typische Anzeichen von Stress sind Angst, Nervosität, Verunsicherung, Wut, Ärger, Gereiztheit und Versagensgefühle. Sie äußern sich als Fluchtgedanken, Konzentrationsmangel, Gedächtnisstörungen, Spannungskopfschmerzen, sowie einem ständig sich drehenden Gedankenkarussell. Das kann zu Herz-Kreislauf-Beschwerden, erhöhtem Blutdruck, Tinnitus, Magengeschwüren, Schlafstörungen, Angstzuständen und Depression führen.

Burnout

Burnout bedeutet ausgebrannt sein. Das betrifft in der heutigen Zeit im besonderen Maße Lehrer, Ärzte, Therapeuten, leitende Angestellte und Frauen in Doppelbelastung. Burnout ist ein Zustand tiefer körperlicher, emotionaler und geistiger Erschöpfung. Im „Klinischen Wörterbuch“ (Pschyrembel, Gruyter 2004) wird Burnout so beschrieben:

„Zustand emotionaler Erschöpfung, reduzierter Leistungsfähigkeit und eventuell Depersonalisation infolge einer Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität bei Personen, die Arbeit mit oder am Menschen ausführen; Endzustand eines Prozesses von idealistischer Begeisterung über Desillusionierung, Frustration und Apathie…“

Burnout führt zu Schmerzsyndromen im Rücken oder Kopfbereich, einer erhöhten Infektanfälligkeit, hormonellen Veränderungen, Atembeschwerden bis hin zu Krebs.

„Das Burnout-Syndrom ist ein schleichend beginnender oder abrupt einsetzender Erschöpfungszustand körperlicher, geistiger oder gefühlsmäßiger Art in Beruf, Freizeit, Partnerschaft und Familie, der durch lang andauernde Überforderung entstanden ist und sich oft mit Aversion, Fluchtgedanken, Zynismus, Negativismus, Gereiztheit und Schuldgefühlen zeigt.“ (Aus dem Buch: Medizinische Psychologie – Medizinische Soziologie, Buser 2003)

Burnout ist eine Folge von Langzeitstress, der auf Dauer die eigenen Energiereserven aufbraucht.

Typische Symptome des Burnout sind:

Erschöpfungszustände, Enttäuschung, Verlust von Authentizität, sowie einem Gefühl mangelnder Leistungsfähigkeit. Burnout betrifft vor allem Menschen, die einer Routinetätigkeit nachgehen, übermäßig durch den Vorgesetzten kontrolliert werden, mangelnde Unterstützung durch Kollegen erfahren und hoher Arbeitsbelastung ausgesetzt sind.

Bewältigung von Stress und Burnout durch Achtsamkeit:

Wer das Gefühl hat, mit dem Rücken zur Wand zu stehen, nicht handlungsfähig zu sein und keinen Ausweg mehr sieht, wird mit Hilfe der Achtsamkeits-Meditation sehr klar sehen, worum es wirklich geht. Er wird sich weniger von den Umständen beeindrucken lassen und behält so den Überblick. Belastende Situationen im Leben wird es immer geben, doch mit Hilfe der Achtsamkeit lernen wir, adäquater damit umzugehen. Der wichtigste und erste Schritt dabei ist, zu erkennen, was wirklich geschieht, noch während es geschieht.
Burnout-Patienten haben ihre Situation lange verdrängt, deshalb beginnen sie, sich von den Dingen um sich herum zu distanzieren, aber auch von sich selbst. Sie negieren ihre körperlichen und seelischen Symptome, bis sich ihr Körper durch massive Schmerzen oder einem totalen Zusammenbruch Gehör verschafft. Achtsamkeit führt den Menschen langsam und mit vielen kleinen Schritten wieder an sich selbst heran. Sie ermöglicht es, den Kontakt von Augenblick zu Augenblick aufrechtzuerhalten, um so direkten Einfluss auf das eigene Denken und Handeln zu nehmen.
Stressreaktionen sind oft ein automatische Vorgänge. Doch sobald man bewusst und achtsam hinschaut, wird dieser Automatismus durchbrochen. Wir stehen in diesem Augenblick vor der Wahl zu handeln oder es einfach zu lassen wie es ist.  Wir bleiben in solchen Situationen dann ruhig und zentriert. Das bedeutet nicht, dass wir uns nie mehr wütend oder gestresst fühlen würden, aber jetzt ist es uns bewusst und dadurch verringert sich schon die Wut um ein Vielfaches und wir tun nicht mehr Dinge, die wir zwei Sekunden später wieder bereuen.
In der Achtsamkeit haben wir Kontakt zu den eigenen Gedanken, Gefühlen, Empfindungen und Sinneswahrnehmungen, laufen nicht mehr weg oder negieren sie, sondern lassen sie zu. Wenn der innere Kampf aufgehört hat, kann endlich wieder Ruhe einkehren, trotz Schmerz und unangenehmen Gedanken oder Gefühlen. Warum? Weil wir aufgehört haben, uns damit zu identifizieren und hinreißen zu lassen. Wir beobachten einfach nur: „So fühlt sich meine Wut an.“ Wir steigen immer wieder aus den Gedankenketten aus, die den Emotionen weitere Nahrung geben.
Im Zen trainieren wir das nicht-eingreifende Beobachten aller körperlichen Empfindungen, Gedanken und Gefühle. Wir erkennen, dass der Geist dauernd in Bewegung ist, uns hierhin zieht oder dorthin. Wir sind nicht Herr im eigenen Haus. Zen ist ein bewusstes Training, die Aufmerksamkeit immer im Jetzt zu halten. Der Fokus liegt dabei im Spüren des Atems. Wenn man erkennt, dass man nicht mehr „da“ ist, bringt man sich sanft und gelassen wieder in den gegenwärtigen Moment zurück. Das klingt ganz einfach und doch ist es nicht so leicht.
In der Achtsamkeits-Meditation  wird einem klar, wie der Geist funktioniert, wie der innere Kommentator pausenlos vor sich hinplappert, nach allem greift und sich Gedankengebilde erschafft, die allzuoft immer wieder in Katastrophenfilmen enden. Durch das ständige Training jedoch, ständig aus den Gedanken auszusteigen und wieder zurück zum Atem zu kommen, wird die Fähigkeit trainiert, immer präsenter zu werden, um sich immer weniger im Gedankendickicht zu verstricken. Sie ermöglicht es uns, auch im Alltag – und darum geht es ja – präsent und handlungsfähig zu bleiben.
Voraussetzung ist die Motivation und Bereitschaft des Einzelnen, ganz bewusst im Hier und Jetzt zu sein. Dann wird er eigenverantwortlich für sich eine heilsamere Seins-Weise entwickeln.

Jon Kabat-Zinn hat in seinem Buch „Gesund durch Meditation“ (O.W.Barth 1994) acht wichtige Punkte für den Therapeuten herausgestellt:

 

1. Nicht beurteilen

Das bedeutet für mich die Bereitschaft, Menschen und Geschehnisse möglichst unvoreingenommen und frei von eigenen Interpretationen zu betrachten. Das heißt, wenn eine Beurteilung im Geist entsteht, versuche ich es als solches erkennen und mich gleichzeitig daran zu erinnern, dass es in der Achtsamkeit lediglich darum geht, das, was geschieht, nur zu beobachten, ohne es zu bewerten, ohne es festzuhalten, zu verfolgen oder in irgendeiner Form darauf zu reagieren und etwas damit zu machen (vom Tun-Modus in den Sein-Modus umschalten). Das fatale an Bewertungen ist, dass das, was wirklich ist, durch die Bewertung verkannt wird.

2. Geduld

Geduldig sein bedeutet, zu wissen, dass jedes Ding seine eigene Zeit hat, dass es sich entfaltet, wenn der richtige Moment dafür gekommen ist… Doch nur mit dieser Geduld, diesem inneren Wissen um die Zeit der Dinge, kann der Druck, den wir uns alle machen, ob als Berater oder Klient, herausgenommen werden.
So geht alles in genau der Zeit von statten, die der Klient wirklich braucht und nicht, wie ich denke, dass es gehen sollte… In der Beratung erleben viele Klienten das erste Mal, dass wirklich alle Dinge ihre eigene Zeit haben. Sie können sich so das erste Mal wirklich erlauben, zu entspannen und mit den Dingen zu sein.

3. Den Geist des Anfängers bewahren

In der Beratungspraxis empfinde ich es als sehr hilfreich, mich immer wieder neu auf Situationen einzulassen und eine spielerische, neugierige Haltung einzunehmen.
Warum? Profi in manchen Bereichen zu sein, erleichtert zwar die Arbeit, aber es macht auch blind. Blind für Neues, blind für Details. ‚Den Geist des Anfängers’ bewahren bedeutet für mich in der Beratung, auch neue und ungewöhnliche Perspektiven einzunehmen. So entwickeln sich neue Sichtweisen, die Kreativität wird angeregt und Lösungen lassen sich leichter entwickeln. Darüber hinaus entsteht ein großer Erfahrungsreichtum.
Beginnen wir wieder die Welt mit den Augen eines Kindes zu betrachten, forschend, neugierig, offen, sind wir offen für neue Erfahrungen und erkennen den ganzen Reichtum des Augenblicks. Außerdem hilft mir diese Haltung,  mich auf schwierige Klienten einzulassen, Offenheit und Neugier für sie zu entwickeln und mich auf Ihre Welt einzulassen.

4. Vertrauen

Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, in die eigene Beraterrolle zu haben, ist manchmal eine große Herausforderung. Mit der Zeit habe ich gelernt, in die Achtsamkeit als Werkzeug zu vertrauen. So tritt meine Person immer mehr in den Hintergrund. Ich trete heraus aus dem „ich muss etwas machen, damit es meinem Klienten besser geht“ und vertraue in den Prozess an sich. Ich vertraue darin, dass Achtsamkeit an sich schon einen Prozess auslöst und ich bin nur noch der „Steuermann“. Darüber und durch ihre eigene Praxis der Achtsamkeit bekommen die Klienten wieder Vertrauen in sich selbst, in ihre eigenen Fähigkeiten für sich selbst zu sorgen und den Dingen nicht so hilflos ausgeliefert zu sein, wie sie ursprünglich glaubten. Sie beginnen, sich selbst zu vertrauen, ihr Leben wieder aktiv im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu gestalten, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, ihre eigenen Entscheidungen für ihr Wohlergehen zu treffen und sich nicht mehr so sehr von der Meinung und den Ratschlägen anderer abhängig zu machen.

5. Nicht-Greifen

Die Haltung des Nicht-Tuns und Nicht-Greifens, d.h. Gedanken und Gegebenheiten ziehen zu lassen, ohne sie festzuhalten oder nach ihnen zu greifen, ist nicht ganz leicht. Der erste Schritt ist hier, zu bemerken, wenn ich mich zu sehr vereinnahmen lasse oder an meiner Idee festhalte. Hier tritt wieder der erste Punkt der Unvoreingenommenheit in Erscheinung. Damit löse ich mich von meinen Gedanken, Bewertungen, lehne mich zurück und bekomme wieder einen Überblick über die Dinge, wie sie sich wirklich darstellen. Insbesondere wenn ein Klient sehr leidet, starke Schmerzen hat und mich das Schicksal sehr berührt oder ich eine vermeintliche „Lösung“ im Kopf habe, kann ich über das achtsame Wahrnehmen, dass ich mich gerade verstricke (greife und festhalte), wieder Abstand bekommen und in meine Objektivität zurückfinden.

6. Akzeptanz

Akzeptanz bedeutet, zu versuchen, offen und empfänglich zu sein und alles, was man sieht, fühlt oder hört, genauso zu akzeptieren, wie es sich darbietet. Das bedeutet für mich, auch den Menschen, der zu mir kommt mit seinem Anliegen, so weit es mir möglich ist, zu akzeptieren. Das bedeutet allerdings auch, dass ich meine Grenzen in der Akzeptanz habe und diese für mich akzeptiere, ohne mich dafür zu verurteilen. Eine andere Umschreibung für das Wort Akzeptanz ist vielleicht eher „Freundschaft schließen“ oder „in Frieden mit den Dingen sein“. Dies ist ein komplett unmanipulativer Zustand und meist genau das Gegenteil von dem, was wir normalerweise leben. Das bedeutet z.B. auch, mit unangenehmen Situationen zu sein und sie als dem Leben zugehörig zu betrachten. Es läuft nichts falsch, wenn mein Klient weint. Über diese Akzeptanz des Leides schaffe ich Raum, damit Klienten endlich einmal in Ruhe sein können, mit ihrem Kummer, ihren Sorgen, ohne dass, wie sie es vielleicht aus ihrem familiären oder freundschaftlichen Umfeld gewohnt sind, direkt alles wieder geglättet werden muss, Tränen getrocknet und das falsche Lächeln die wahre Trauer überdeckt.
Mit dieser Akzeptanz erleben Klienten Raum für sich selbst und auch die Akzeptanz in ihre eigenen Gefühle.

7. Loslassen

Loslassen bedeutet, Raum zu geben für alles was geschieht, kommen und gehen mag. Das bedeutet für mich als Berater, dass ich den Dingen ihren natürlichen Lauf, ihre Zeit der Entwicklung gebe, dass ich diesen Raum nicht durch mein eigenes Wollen und Streben beschneide. Bemerke ich, dass ich zu sehr will, z.B. zu sehr dem Klienten Hilfe und Rat geben möchte, zu sehr will, dass sich mein Klient in die Richtung entwickelt, die, wie ich glaube, gut für ihn ist, bemerke ich es, kann mich wieder zurück nehmen und so dem Klient wieder Raum geben, also mein Wollen und Streben loslassen und mich wieder voll und ganz auf die Belange und Bedürfnisse meines Klienten konzentrieren. Damit tritt auch gleichzeitig Entspannung ein, die sich positiv auf meine Klienten auswirkt, da sie das Gefühl bekommen, hier bei mir, in diesem Raum wirklich angenommen zu werden und sie selbst sein zu können, ohne dass sie wieder dem gleichen Leistungsdruck und Stress ausgesetzt sind, wie in ihrem alltäglichen Leben mit Familie, Freunden und Beruf.

8. Liebevolle Güte & Mitgefühl

Liebe und Mitgefühl sind unerlässlich für jede Achtsamkeitspraxis und, wie ich es verstehe, auch für jede beratende oder therapeutische Tätigkeit. Sie sind die Seele. Sie verbindet uns mit uns selbst und allen Menschen um uns herum. Mit ihr fällt Akzeptanz und Verstehen leichter, entsteht Vertrauen und Geduld.

Achtsamkeit erfordert eine lebenslange Praxis und ist kein Allheilmittel. Sie lädt uns ein, uns selbst immer umfassender kennen zu lernen und Frieden mit uns selbst zu schließen, auch wenn wir immer wieder mit problematischen Situationen in Kontakt kommen.